Krise? Die Fakten über den Oldtimermarkt!
Von DORIAN RÄTZKE
Das Thema bringt die Klassiker-Community auf die Palme: Sind Oldtimer wirklich out? Seit überregionale Medien über eine angebliche Flaute auf dem Markt für historische Fahrzeuge berichteten, glühen die Kommentarspalten. Dort ist die Rede von „geplatzten Träumen“ und „einbrechenden Marktwerten“. Doch wer den Abgesang auf das Blech von gestern anstimmt, ignoriert oft die komplexe Realität eines Marktes, der sich nicht im freien Fall befindet, sondern in einer massiven Transformation. Wir haben mit Experten gesprochen, die den Markt seit Jahrzehnten analysieren und die Fakten hinter den Schlagzeilen kennen.
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Gehört zu den JDM-Legenden, die derzeit stark gefragt sind: ein Honda NSX aus dem Jahr 1991. Aber auch Nissan Skyline, Mitsubishi Lancer Evo und Toyota Supra ziehen preislich stark an. Beim Supra (Mk4, Baujahr 1999) ist eine starke Nachfrage aus den USA zu spüren, da diese Modelle von der amerikanischen 25-Jahre-Regelung profitieren, also ohne hohe Zölle (25 %) importiert werden können und von den strengen US-Sicherheits- und Emissionsvorschriften befreit sind.
Das Geschäft mit der schlechten Nachricht
Dass das Thema derzeit so hochkocht, liegt für Branchenkenner auch an der Mechanik der Medien selbst. Steffen Dominsky, Redakteur beim einflussreichen Brancheninformationsdienst kfz-betrieb.de, beobachtet das Phänomen nüchtern: „Medien lechzen nach schlechten Nachrichten“, stellt er fest. Die aktuelle Aufregung um den angeblichen Preisverfall hält er für eine journalistische Inszenierung von Erkenntnissen, die in der Fachwelt längst kalter Kaffee sind.
„Wer behauptet, der Hype ums ‚Garagengold‘ sei plötzlich vorbei, hat die letzten Jahre verschlafen“, so Dominsky. Tatsächlich habe der Markt seinen Zenit bereits um 2016 oder 2017 erreicht. Seitdem finde lediglich eine langsame Rückkehr zum „Normalmaß“ statt. Dass Vorkriegsautos oder Modelle aus den 50er- und 60er-Jahren an Nachfrage verlieren, sei eine seit Jahren bekannte Tatsache und keine neue Krise. Zudem korrigiert Dominsky die oft verbreitete Zahl der H-Kennzeichen: Diese liege keineswegs bei der Millionengrenze, sondern bei weniger als der Hälfte – ein Fakt, der die tatsächliche Marktgröße in ein ganz anderes Licht rückt.
Dominskys Einschätzung teilt auch Till Waitzinger, Mitglied der Geschäftsleitung bei OCC: „Die Verrücktheit der Jahre 2012 bis 2023 ist vielleicht vorbei, das ist aber auch okay so.“ Er sieht die Ursache für die damalige Preisexplosion in einer Sondersituation: „Die extreme Niedrigzinsphase hat Spekulanten in den Markt gelockt, die da eigentlich nicht hingehören. Auf der Bank gab es keine Zinsen, also wurden Fahrzeuge teils auf Pump gekauft, in der Hoffnung auf schnelle Gewinne.“
Substanzlose Panikmache vs. harte Marktdaten
Trotz der aktuellen Abkühlung sieht die offizielle Interessenvertretung der Szene keinen Grund zur Panik. Jan Hennen, Sprecher des DEUVET Bundesverband Oldtimer-Youngtimer e.V., beobachtet die Entwicklung zum Start der Saison 2026 positiv. Zwar würden Hobby-Ausgaben in wirtschaftlich unruhigen Zeiten kritischer geprüft, doch: „Die stetige Zunahme der Zulassungen älterer Fahrzeuge zeigt das ungebrochene Interesse“, betont Hennen.
Diese Einschätzung stützt Frank Wilke, Geschäftsführer des Marktbeobachters classic-analytics. Während allgemeine Medien das Ende einer Ära herbeischrieben, zeige das Hochpreissegment enorme Stabilität. Als Beleg führt Wilke die Monterey Auction Week an, wo im August 2025 Klassiker im Wert von über 400 Millionen Dollar versteigert wurden – das zweithöchste Ergebnis der Geschichte. Zudem verweist er auf das Vertrauen der Finanzwelt: „JP Morgan als größte Verbraucherbank der Welt akzeptiert jetzt Oldtimer zur Sicherung von Krediten in Millionenhöhe.“ Eine Bank tue dies nur, wenn sie die langfristige Werthaltigkeit eines Marktes geprüft habe.
Generationenwechsel: Der Käfer geht, der Skyline kommt
Warum sich die Stimmung dennoch gewandelt hat, liegt an einem tiefgreifenden demografischen Wandel. „Unterschiedliche Generationen interessieren sich für unterschiedliche Autos und Events – die Welt dreht sich eben weiter“, erklärt Till Waitzinger. Während früher die viertägige Oldtimer-Rallye für mehrere Tausend Euro das Maß der Dinge war, dominieren heute moderne Formate wie „Cars & Coffee“, „HEIZR“ oder „Pizza, Pasta, Porsche“, die teilweise über 1.000 Fahrzeuge anziehen. „Die Car Culture ist ungebrochen da, heute eben befeuert durch TikTok, Instagram und YouTube“, so Waitzinger.
Dieser Wandel schlägt sich direkt in den Preisen nieder. Benjamin David, Geschäftsführer von David Finest Sportscars in Hamburg, bringt es auf den Punkt: „Der VW Käfer ist für viele heute einfach nicht mehr interessant, weil er nicht gut fährt.“ Die „Boomer“ lösen ihre Sammlungen auf, während die nachrückenden Käufer Autos suchen, die sie an ihre eigene Jugend erinnern. Während klassische Ikonen wie der Jaguar E-Type oder die Mercedes Pagode preislich „Federn lassen“, schlägt die Stunde der Youngtimer und JDM-Legenden (Japanese Domestic Market). Fahrzeuge wie der Nissan Skyline, Mitsubishi Lancer Evo oder der Honda NSX sind die neuen Sehnsuchtsobjekte. Aber auch bodenständige Klassiker wie der VW Corrado, der BMW Z3 oder die erste Serie des Porsche Boxster gewinnen an Bedeutung. An der Spitze der Pyramide haben derweil moderne Hypercars wie der Bugatti Divo oder Modelle von Pagani und Koenigsegg die alten Vorkriegs-Könige endgültig vom Thron gestoßen.
Diese Modelle sind die Gewinner von morgen
Doch welche Autos sind die Gewinner von morgen? Die Experten sind sich einig, dass „Fahrbarkeit“ das neue Schlüsselwort ist. Till Waitzinger sieht einen klaren „Sweet Spot“ bei Fahrzeugen zwischen den frühen 90er-Jahren und etwa 2015: „Das sind schnelle, schöne Fahrzeuge für die Generation X und jünger. Danach werden die Autos oft zu komplex, zu elektronisch, haben zu viel Turbo und zu wenig Hubraum.“ Das sehe man etwa bei Porsche, wo das Interesse nach dem Modell 991.1 spürbar abnehme.
Dass es derzeit in den Autohäusern etwas ruhiger zugeht, hat also weniger mit einer Abkehr vom Oldtimer zu tun als auch mit der allgemeinen Weltlage. Frank Wilke sieht die Ursache in einer „mangelnden Kauflaune und Unsicherheit bezüglich der weltpolitischen Situation“. Denn die Besucherzahlen auf Messen und Treffen beweisen: Die Leidenschaft der Oldtimer-Community für automobiles Kulturgut ist ungebrochen.
Und die Experten sind sich einig: Der Markt bereinigt sich von Substanzlosigkeit, aber gute, besondere Exemplare bleiben wertstabil. Das führt laut Jan Hennen (DEUVET) zu einem riesigen Angebot, bei dem jedoch nur Qualität zählt: „Das bessere Auto ist immer der bessere Kauf. Fahrzeuge mit nachvollziehbarer Historie und Originalität werden auch in Zukunft Liebhaber finden.“
So bleibt zum Schluss ein simpler, aber effektiver Ratschlag von Autohändler Benjamin David an alle verunsicherten Sammler: „Ruhe bewahren und sich dieses schöne Hobby nicht kaputt machen lassen …“
Fotos: OCC | Bruno von Rotz, zwischengas.com
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