Traumwagen oder Trümmerhaufen? Die Wahrheit über Japan-Importe
30. April 2026 Autor: Dorian Rätzke
Manchmal wartet das bessere Auto einfach am anderen Ende der Welt … Wer einschlägige japanische Internetportale durchforstet, stößt schnell auf scheinbar unglaubliche Angebote. Aktuelles Beispiel im April 2026: Ein BMW M635 CSi (Baujahr 1985, 64.000 km Laufleistung) soll für umgerechnet 33.500 Euro den Besitzer wechseln – inklusive Verschiffung nach Bremerhaven. Vergleichbare Exemplare kosten in Deutschland leicht 25.000 bis 30.000 Euro mehr.
Die Fotos der Annonce zeigen ein makelloses, silberfarbenes Sport-Coupé. Ein Top-Angebot? Der Schein trügt. ‚In den Auktionsunterlagen wird das Fahrzeug mit einem Grade R vermerkt. R steht für repaired, also einen Unfallschaden. Finger weg!‘, warnt Bernd Kallert und holt Träumer unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück.
Er weiß, wovon er spricht. Bernd Kallert ist Oldtimer-Experte und Import-Profi aus Bayern. Er betreibt eine Klassiker-Werkstatt, mag Klartext und bietet zu Beginn unseres Gesprächs direkt das ‚Du‘ an.
Preis-Paradies Japan? Während europäische Klassiker oft durch viele Hände und harte Winter gegangen sind, schlummern in japanischen Garagen tatsächlich unberührte Schätze mit geringen Laufleistungen. Doch wie viel Risiko reist im Container mit, wenn die begehrte Ware aus Fernost endlich eintrifft? Bernd Kallert erklärt im Interview mit dem OCC-Magazin, warum Linkslenker in Japan als Statussymbol galten, wie man das ‚Scheckheft-Rätsel‘ löst und warum Geduld beim Import die wichtigste Tugend ist.
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Peter Schmid, Technik-Vorstand vom Mercedes-Benz Geländewagen-Club e.V., mit einem G55 Kompressor aus Japan, der inzwischen auf deutschen Straßen fährt. Schmid berät Bernd Kallert bei Importen aus Fernost, wenn es um die G-Klasse geht.
Wer sich für einen Klassiker aus Japan entscheidet, sollte Geduld mitbringen
OCC: Japan-Importe sind in den letzten Jahren deutlich populärer geworden – auch durch die Transparenz globaler Online-Auktionen. Wenn ein Interessent heute ein Fahrzeug über dich kauft: Wie lange dauert es vom Zuschlag bis zur Ankunft in Deutschland?
Bernd Kallert: „Nach erfolgreicher Auktion folgt zunächst der Zahlungsprozess. Ist dieser abgeschlossen, dauert es in der Regel etwa drei Monate, bis das Fahrzeug einen europäischen Hafen erreicht – meist in Deutschland oder den Niederlanden. Danach kommen Zollabwicklung, Transport und technische Umrüstung. Insgesamt sollte man also realistisch mit drei bis vier Monaten rechnen.“
OCC: Die weltpolitische Lage ist aktuell angespannt. Haben Konflikte – etwa im Nahen Osten – Einfluss auf Transportwege und Kosten?
Kallert: „Spürbar, aber nicht dramatisch. Reedereien fahren teilweise Umwege, etwa um kritische Regionen zu umgehen. Das verlängert Transportzeiten leicht und kann die Frachtkosten erhöhen. Aber wir sprechen hier eher von Wochen und moderaten Mehrkosten – nichts, was den Import grundsätzlich infrage stellt. Wer sich für einen Klassiker entscheidet, sollte ohnehin Geduld mitbringen.“
OCC: Was macht Japan als Markt so attraktiv? Preis oder Qualität?
Kallert: „Ganz klar die Qualität. Zwei Faktoren stechen hervor: extrem niedrige Laufleistungen und oft erstaunliche Rostfreiheit. Rost ist einer der größten Kostentreiber bei Restaurierungen – und genau hier bieten Japan-Importe einen enormen Vorteil. Zudem wurden viele Fahrzeuge dort sehr hochwertig konfiguriert – oft mit Vollausstattung und großen Motoren.“
Substanz-Check: Zwischen Schein und Sein
OCC: Kritiker verweisen auf die Belastung durch Stop-and-Go-Verkehr in Metropolen wie Tokio. Wie bewertest du das?
Kallert: „Das ist ein berechtigter Punkt. Kilometerstände erzählen nicht die ganze Geschichte, weil es keine Erfassung von Betriebsstunden gibt. Aber man muss vergleichen: Ein deutsches Fahrzeug mit hoher Laufleistung hat oft deutlich mehr Verschleiß und zusätzlich Rostprobleme. Ich prüfe jedes Fahrzeug nach Ankunft persönlich und unterziehe es einem umfassenden Service – quasi einer technischen ,Neuabnahme.'"
OCC: Stichwort Rost: Auch Japan hat Schnee- und Küstenregionen. Wie gehst du damit um?
Kallert: „Genau wie in Europa: Es gibt gute und schlechte Regionen. Entscheidend ist die Vorauswahl. Wir arbeiten mit lokalen Partnern und analysieren sehr detaillierte Auktionsdaten und Bildmaterial. Nur ein Bruchteil der Fahrzeuge kommt überhaupt infrage.“
OCC: Wie prüfst du die Historie, wenn Dokumente auf Japanisch sind?
Kallert: „Weniger über Sprache, mehr über Plausibilität. Zahlen sind universell – und Verschleißbilder auch. Ich gleiche den Zustand mit den Angaben ab. Interessant ist zudem die oft umfangreiche Elektronik-Nachrüstung in Japan. Deren Zustand und Einbauqualität geben ebenfalls Hinweise auf die Pflegehistorie.“
Vom Auktions-Grade zum H-Kennzeichen
OCC: Wie zuverlässig sind die bekannten Auktions-„Grades“?
Kallert: „Sie sind ein guter erster Filter – mehr nicht. Wenn ein Fahrzeug interessant ist, schicken wir Experten vor Ort. Die prüfen es persönlich und liefern uns Fotos, Videos und eine fundierte Einschätzung. Ohne diese zweite Ebene würde ich kein Auto kaufen.“
OCC: Was sind die größten Hürden bei der Zulassung in Deutschland?
Kallert: „Das hängt stark vom Baujahr ab. Fahrzeuge über 30 Jahre sind oft unkomplizierter (Stichwort H-Kennzeichen). Typische Anpassungen sind Scheinwerfer, Nebelschlussleuchte und Dokumentation. Schwieriger wird es bei neueren Fahrzeugen – etwa wegen fehlender EU-Typgenehmigungen oder inkompatibler Funkfrequenzen bei Schlüsselsystemen.“
OCC: Und das Thema Kennzeichen?
Kallert: „Japanische Fahrzeuge bieten oft wenig Platz für europäische Kennzeichen. Manche Behörden sind flexibel, andere verlangen Umbauten. Ich persönlich passe die Fahrzeuge meist an europäische Standards an – auch aus ästhetischen Gründen.“
Prestige-Faktor und die wahre Kostenrechnung
OCC: Warum gibt es in Japan so viele Linkslenker?
Kallert: „Das war ein Statussymbol. Ein europäisches Fahrzeug im „Originalzustand“ zu fahren, hatte Prestige. Für uns ist das natürlich ein Vorteil – aber man muss genau wissen, welche Varianten es gab.“
OCC: Kritiker sagen: Am Ende ist der Import teurer als ein vergleichbares Auto hier.
Kallert: „Nur, wenn man rein auf den Preis schaut. Die entscheidende Frage ist: Gibt es dieses Fahrzeug hier überhaupt in vergleichbarem Zustand? Ein rostfreies, gut erhaltenes Modell ist in Europa oft kaum zu finden. Und wenn man Restaurationskosten ehrlich einrechnet, relativiert sich der Preisunterschied schnell.“
OCC: Wie sieht es mit Garantie und Risiko aus?
Kallert: „Eine klassische Garantie auf einen 30 Jahre alten Klassiker ist unrealistisch. Der Transport ist versichert – aber der Schlüssel liegt in der Auswahl. Erfahrung und ein gutes Netzwerk sind entscheidend. Wer blind kauft, zahlt am Ende meist drauf.“
Mehr Infos zum Unternehmen von Bernd Kallert finden Sie hier.
Fotos: Bernd Kallert
Äußerst seltene Einzelsitz-Ausstattung hinten beim G 55 Kompressor aus Japan. Gerade diese Konfigurationen auf Kundenwunsch machen die Importe aus Fernost so interessant.
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