Audienz in Wien: Chinas geheimnisvollster Straßenkreuzer
23. April 2026 Autor: Dorian Rätzke
Von DORIAN RÄTZKE
Dunkle Gardinen schützen vor neugierigen Blicken, die Füße versinken in schweren Teppichen, der Duft von Leder und feinem Edelholz schwebt in der Luft. Doch hinter dem Luxus verbergen sich kompromisslose Sicherheitskonzepte: Verbundpanzerung, mehrschichtige Sicherheitsverglasung und abhörsichere Kabinen verwandeln diese Luxuskarossen in rollende Tresore.
Ob Pekings Parteielite, US-Präsidenten oder das britische Königshaus – wer Weltgeschichte schrieb, reiste mit Vorliebe sicher und hochherrschaftlich.
Das bekannte Fehr Oldtimer Museum in der Wiener Neustadt versammelt nun exklusiv 14 dieser legendären Dienstwagen von Staatsmännern aus Ost und West. Kuratiert wurde die Ausstellung übrigens von einem echten Politikkenner und großen Oldtimerliebhaber: Prof. Dr. Wolfgang Brandstetter, ehemaliger Justizminister und Vizekanzler der Republik Österreich. Neugierig geworden? Wir laden Sie ein zur Audienz bei den Autos der Mächtigen.
Blick auf das schicke Fehr Oldtimer Museum in Wiener Neustadt: Hier erwartet die Besucher eine ständige Ausstellung mit etwa 70 Oldtimern – und noch bis zum November eine Sonderschau von 14 Staatskarossen aus aller Welt.
Hongqi CA 770: Der Rote Drache
Baujahr: 1981
Hubraum: 5.650 ccm
Motor: V8
Leistung: 220 PS
Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h
Er ist das skurrilste Ausstellungsstück der Schau: Chinas „Rote Fahne“. Von diesem Modell mit Selbstmördertüren (hinten) wurden lediglich 847 Stück handgefertigt. Besonderheit: die stilisierte rote Fahne auf der Kühlerhaube. Dieses Exemplar ist ein besonderes Leihobjekt der Autostadt (Volkswagen AG) und war ein Geschenk an den ehemaligen VW-Chef Carl H. Hahn (1926 – 2023). Hahn hatte 1984 die Montage des VW Santana in China durchgesetzt – die chinesischen Kommunisten bedankten sich bei ihm mit dem Straßenkreuzer aus dem Reich der Mitte.
Citroën DS 19: Die gepanzerte Göttin
Baujahr: 1966
Hubraum: 1.911 ccm
Motor: 4-Zyl.
Leistung: 84 PS
Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h
Die „Déesse“ rettete Weltgeschichte: In einem baugleichen Modell überlebte der französische Präsident Charles de Gaulle 1962 ein Attentat. Trotz 14 Einschüssen und geplatzter Reifen konnte der Chauffeur dank der hydropneumatischen Federung beschleunigen und entkommen. De Gaulle blieb unverletzt – die Basis für den Roman „Der Schakal“ und die berühmte gleichnamige Verfilmung mit Edward Fox aus dem Jahr 1973 (Regie: Fred Zinnemann).
Rolls Royce 20 HP Landaulet: Reisen wie König Georg
Baujahr: 1929
Hubraum: 3.127 ccm
Motor: 6-Zyl.
Leistung: 20 PS
Höchstgeschwindigkeit: 96 km/h
Dieser Rolls Royce 20 HP Landaulet hat blaues Blut – stammt er doch aus dem Erstbesitz von Englands König Georg VI. (1895 – 1952). König Georg bestieg den Thron am 11. Dezember 1936, nach seinem Tod übernahm seine Tochter Elisabeth II. (1926 – 2022) die Regentschaft. Jetziger Besitzer ist die Familie Fehr.
Mercedes-Benz 300 d (W 189) „Adenauer“: deutsche Eleganz
Baujahr: 1961
Hubraum: 2.996 ccm
Motor: 6-Zyl.
Leistung: 160 PS
Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h
Er war die deutsche Staatslimousine schlechthin. Den Beinamen verdankt der Typ 300 d dem ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer, der das Modell bis zu seinem Rückzug aus der Politik prägte. Als „Vollsichtkarosserie“ konzipiert, verzichtete der W 189 auf B-Säulen, was ihm eine unvergleichliche Eleganz verlieh. Technisch war er seiner Zeit voraus: Als erstes Mercedes-Pkw-Modell verfügte er über eine Saugrohreinspritzung. Dieses Exemplar markiert den Gipfel der Repräsentation, bevor der Mercedes 600 das Zepter übernahm.
Mercedes-Benz 250 Lang (W 123): Luxus für Ungarns Elite
Baujahr: 1978
Hubraum: 2.525 ccm
Motor: 6-Zyl.
Leistung: 129 PS
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
Auch im Ostblock liebte man schwäbische Wertarbeit. Diese Langversion des legendären W 123 mit sieben Sitzplätzen diente als ungarische Staatslimousine unter Parteichef János Kádár (1912–1989). Kádár war von 1956 bis 1988 Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei und nutzte die repräsentative Limousine (5,35 m lang) für seine offiziellen Fahrten. Heute ist der Wagen im Besitz der Familie Fehr in Wien und steht als Dauerexponat im gleichnamigen Oldtimermuseum.
Mercedes-Benz 220 S (W180): Wirtschaftswunder & Neutralität
Baujahr: 1957
Hubraum: 2.195 ccm
Motor: 6-Zyl.
Leistung: 100 PS
Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h
„Immerwährende Neutralität auf Rädern“ – so taufte die Fachpresse den Dienstwagen von Leopold Figl (1902-1965), erster Bundeskanzler Österreichs nach dem 2. Weltkrieg. Der „Ponton“-Mercedes verkörpert mit seinem längeren Radstand und der edlen Innenausstattung aus Echtholz das Blech gewordene Wirtschaftswunder der 50er-Jahre. Heute ist er Teil der Landessammlungen Niederösterreich.
Mercedes-Benz 600 (W100): Der Gipfel der Repräsentation
Baujahr: 1964
Hubraum: 6.329 ccm
Motor: V8
Leistung: 250 PS
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
Der „Große Mercedes“ ist das weltweite Synonym für die Staatslimousine. Mit seiner komplexen 150-bar-Komforthydraulik und seiner imposanten Erscheinung setzte er Maßstäbe, die bis heute als unerreicht gelten. Der in der Ausstellung gezeigte 600er Pullmann diente im Fuhrpark der österreichischen Regierung. Er wurde im Jahr 1963 von Bundespräsident Adolf Schärf (1890–1965) bestellt und war in der Präsidentschaftskanzlei bis 1974 im Einsatz.
Daimler Limousine (DS420): Drei Generationn Krone
Baujahr: 1987
Hubraum: 4.235 ccm
Motor: 6-Zyl.
Leistung: 165 PS
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
Königin Elisabeth II. saß aus Sicherheitsgründen immer hinter dem Fahrer – auch in diesem 2,2 Tonnen schweren Daimler DS420. Hier allerdings hinten rechts, weil der Wagen ein Rechtslenker ist. Daimler war übrigens immer der Favorit des englischen Königshauses - noch vor Rolls Royce. Die Pullman-Limousine wurde bis 1980 bei Hersteller und Karosseriebauer Vanden Plas gefertigt, nach der Pleite von Vanden Plas bei Jaguar in Coventry. 5043 Exemplare entstanden, davon 927 Spezialkarosserien. Der in Wien gezeigte Daimler diente Elisabeth II. als Semi-State Car (ein Auto, das für weniger formale Anlässe genutzt wurde) und kam auch für Prinz Charles, dessen Ehefrau Diana und den Prinzen William und Harry zum Einsatz.
Lincoln Continental: Mächtiger Motor
Baujahr: 1976
Hubraum: 7.538 ccm
Motor: V8
Leistung: 206 PS
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h
Schon der Motor demonstriert Macht: mit 7,5 l Hubraum gehörte er zu den größten Aggregaten weltweit in Serienfahrzeugen. US-Präsident Ronald Reagan (1911–2004) nutzte ihn für offizielle Auftritte. Das für den einst mächtigsten Mann der Welt umgebaute Schlachtschiff hat Außenlautsprecher für den Secret Service, selbstverständlich kugelsichere Scheiben und eine mit dicken Platten verstärkte Karosserie.
Gräf & Stift C12 Limousine: Tragische Geburt
Baujahr: 1938
Hubraum: 4.036 ccm
Motor: V12
Leistung: 110 PS
Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h
Ein tragisches Stück österreichischer Automobil- und Zeitgeschichte. Dieser Prototyp der Wiener Nobelmarke Gräf & Stift war ursprünglich als Dienstwagen für Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg (1897–1977) vorgesehen. Durch die politischen Umbrüche und den „Anschluss“ Österreichs im März 1938 kam das Fahrzeug jedoch nicht mehr wie geplant als Staatslimousine zum Einsatz. Sein 12-Zylinder-V-Motor war ein US-Import von Lincoln, die Kraftübertragung erfolgte über ein Vierganggetriebe auf die Hinterräder.
Rolls-Royce Silver Spur: Diana erobert Wien
Baujahr: 1986
Hubraum: 6.750 ccm
Motor: V8
Leistung: 200 PS
Höchstgeschwindigkeit: 193 km/h
Wenn das britische Königshaus reist, ist Noblesse Pflicht. Dieser Rolls-Royce Silver Spur mit dem traditionellen 6,75-Liter-V8 diente Prinz Charles und Lady Diana bei ihrem Staatsbesuch im April 1986 in Wien als standesgemäßes Gefährt. Das Paar war populär, gerade Diana wurde von den Menschen geliebt. Die Kronenzeitung titelt damals: „Prinzessin Diana erobert Österreich“ …
Cadillac Fleetwood Imperial 75: Gipfeltreffen mit JFK
Baujahr: 1961
Hubraum: 6.400 ccm
Motor: V8
Leistung: 309 PS
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
Diese Repräsentationslimousine steht für eines der glanzvollsten Kapitel der amerikanisch-österreichischen Diplomatiegeschichte: Der Cadillac (gehörte der amerikanischen Botschaft) kam am 3. und 4. Juni 1961 in Wien beim historischen Treffen von John F. Kennedy (1917–1963) mit dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow (1894–1971) zum Einsatz. Das Gipfeltreffen inmitten des Kalten Krieges initiierte der damalige österreichische Außenminister Bruno Kreisky (1911–1990). Auf der Tagesordnung standen damals die Spannungen im geteilten Berlin und in Laos.
Cadillac Fleetwood 75: Hubraum-Monster
Baujahr: 1976
Hubraum: 8.194 ccm
Motor: V8
Leistung: 190 PS
Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h
Mit einem gewaltigen Hubraum von über acht Litern ist dieser Cadillac Fleetwood 75 ein wahres Monument amerikanischer Automobilgeschichte aus der Administration von Ronald Reagan. Die Serie 75 stellte das absolute Flaggschiff dar und wurde speziell für den Einsatz als Repräsentationslimousine für höchste Staatsbeamte erworben.
Chrysler Windsor DeLuxe: US-Traum für die junge Republik
Baujahr: 1954
Hubraum: 4.337 ccm
Motor: 6-Zyl.
Leistung: 120 PS
Höchstgeschwindigkeit: 139 km/h
Ein seltener Gast auf österreichischen Straßen und ein markantes Zeugnis der Nachkriegsdiplomatie. Dieser Chrysler diente der österreichischen Bundesregierung in den 1950er-Jahren als repräsentatives Dienstfahrzeug. Mit seinem großzügigen Platzangebot und dem typisch amerikanischen Fahrkomfort jener Ära bot er den Ministern und hohen Beamten der jungen Republik einen standesgemäßen Untersatz.
Familie Fehr: Von McDonalds zum Oldtimermuseum
Hinter der beeindruckenden Sammlung des Wiener Fehr Museums steht eine Familiengeschichte (im Foto Friedrich Fehr und Sohn Ronald), die von unternehmerischem Weitblick und einer tiefen Liebe zur Technik geprägt ist. Friedrich Fehr, der im Jahr 2026 sein 60-jähriges Jubiläum der Selbstständigkeit feiert, legte den Grundstein für sein Lebenswerk bereits mit einer Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, eröffnete mit 22 Jahren eine Tankstelle. Bekannt wurde Fehr später vor allem als Gastronomie-Pionier: 1977 eröffnete er das erste McDonald's-Restaurant Österreichs am Wiener Schwarzenbergplatz. Eines seiner Restaurants zählte zeitweise zu den Top 5 der umsatzstärksten McDonald’s-Filialen weltweit. 1985 brachte er den ersten McDrive nach Österreich und setzte 1996 mit einem einheitlichen Gehaltssystem neue soziale Maßstäbe in der Branche. Später widmete sich Friedrich Fehr verstärkt seiner Leidenschaft für historische Fahrzeuge, die er seit über 40 Jahren gemeinsam mit seinem Sohn Ronald pflegt. Diese Passion mündete in der Eröffnung des familieneigenen Oldtimer-Museums in Wiener Neustadt. In der Sammlung Ausstellung befinden sich regelmäßig zwischen 50 und 70 Fahrzeuge aus dem Privatbesitz der Familie Fehr – darunter ein Bentley S3 Saloon aus dem Erstbesitz von Weltstar Frank Sinatra (1915–1998, „My Way“).
Familie Fehrs Oldtimer Museum
Stadionstraße 36a
2700 Wiener Neustadt
Anfragen unter: 02622 / 28411
Öffnungszeiten: Montag - Sonntag 11.00 - 19.00 Uhr,
Mehr Infos gibt es hier.
Fotos: Franz Baldauf | Wehrl | Oldtimer Museum der Familie Fehr
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