D

50 Jahre Mercedes W123 – das Maß aller automobilen Dinge

Beitrag teilen

Von DORIAN RÄTZKE 
Dauerbrenner, Chrom-König, Technik-Tresor – die Baureihe W123 von Mercedes-Benz setzte Maßstäbe in der Automobilwelt. Im Januar 1976 präsentierte das Unternehmen in Südfrankreich eine neue Modellreihe, die rund um den Globus zum Inbegriff des soliden Automobils „Made in Germany“ werden sollte. Der W123 war keine Revolution, sondern die Perfektionierung des Vorhandenen – ein Auto, bei dem die schwäbischen Ingenieure technische Brillanz mit wirtschaftlicher Vernunft kreuzten. Kein Wunder, dass der W123, ob als Limousine, Coupé oder luxuriöser Kombi (T-Modell), überall gefragt war. Auch Prominente wie Beatle John Lennon oder Rockstar Falco verliebten sich damals in das Sternzeichen W123 aus Untertürkheim. 
Technik, Sondermodelle, Marktpreise – lesen Sie alles über den W123 in unserem Geburtstagsartikel. Außerdem widmet W123-Enthusiast Tim Nagel (Senior Sales Underwriter bei OCC) der Baureihe eine ganz persönliche Hommage. 

Ob Coupé, Limousine oder Kombi (das bei Mercedes T-Modell hieß): Die Baureihe W123 gehörte zu den beliebtesten in der Geschichte der Stuttgarter Autobauer und manifestierte den legendären Ruf der Marke mit dem Stern in aller Welt.

Ob Coupé, Limousine oder Kombi (das bei Mercedes T-Modell hieß): Die Baureihe W123 gehörte zu den beliebtesten in der Geschichte der Stuttgarter Autobauer und manifestierte den legendären Ruf der Marke mit dem Stern in aller Welt.   

Die Geburtsstunde: „Die tragende Säule“

Bei der Vorstellung im noblen Badeort Bandol an der Côte d'Azur im Januar 1976 machte Prof. Dr.-Ing. Hans Scherenberg (Foto, 1910–2000), damaliger Entwicklungschef der Daimler-Benz AG, die Bedeutung der neuen Mittelklasse sofort deutlich: „Ich freue mich, Ihnen heute eine neue Modellreihe vorstellen zu können, die für die nächsten Jahre die tragende Säule unseres Personenwagen-Angebots sein wird.“ Damit sollte er Recht behalten. In der offiziellen Mercedes-Presseerklärung betonte Scherenberg, dass der W123 bewusst auf Kontinuität setzte: „Der Triebstrang also Motor, Getriebe, Gelenkwelle und Hinterachse besteht aus bewährten Aggregaten, die, im Detail weiterentwickelt [...] von den bekannten Modellen übernommen werden konnten.“ Diese Entscheidung legte den Grundstein für die legendäre Zuverlässigkeit, da man auf Kinderkrankheiten verzichtete und stattdessen Bewährtes optimierte.

Fahrwerk: Präzision der S-Klasse in der Mittelklasse

Ein technisches Highlight der neuen Baureihe war die vollständig neu entwickelte Vorderachse. Sie orientiert sich prinzipiell an der Konstruktion der S-Klasse und verfügt über eine „progressive Bremsnickabstützung und Lenkrollradius Null“. Diese Konzeption bietet laut Mercedes-Benz entscheidende Vorteile für das Fahrverhalten: „insbesondere der gute Geradeauslauf in allen Geschwindigkeitsbereichen und die hohe Spurtreue beim Bremsen“.
Karosserie: Sicherheit durch „gezielte Deformation“
Bei der Entwicklung der selbsttragenden Ganzstahlkarosserie flossen neueste Erkenntnisse der passiven Sicherheit ein.
•    Vorbau: Dieser wurde mit „geraden anstelle von gekröpften Längsträgern“ konstruiert, was eine „höhere und besser definierte Deformationsfähigkeit bei Frontalzusammenstößen“ ermöglicht.
•    Fahrgastzelle: Die Festigkeit wurde im Hinblick auf Seitenaufprall und Überschlag deutlich gesteigert, indem die Querschnitte relevanter Teile vergrößert wurden.
•    Kraftstoffbehälter: Analog zur S-Klasse wanderte der Tank in die „bestmöglich geschützte Position über der Hinterachse“. Dadurch kann das Heckteil bei einem Aufprall verstärkt zur Arbeitsaufnahme herangezogen werden.

Innovationen im Innenraum und bei der Sicht

Komfort und Sicherheit prägen die völlig neue Innenraumgestaltung.
•  Rückhaltesysteme: Die Automatik-Sicherheitsgurte wurden so integriert, dass Aufwickelrollen und Sperrmechanismen nicht mehr sichtbar sind. Das Gurtschloss ist direkt am Sitzrahmen verankert, was einen stets korrekten Gurtverlauf über den Beckenknochen gewährleistet, unabhängig von der Sitzeinstellung.
•  Luftsack-Vorbereitung: Mercedes-Benz bereitete den W123 bereits auf zukünftige Technologien (z.B. den Airbag) vor: „Der Raum für die Unterbringung von Luftsäcken vor den Vordersitzen [ist] bereits vorhanden“ (Pressemitteilung von Mercedes-Benz anlässlich der Premiere 1976).
•  Sichtverhältnisse: Das Wischfeld der Windschutzscheibe wurde auf 78 % vergrößert (zuvor 61 %). Zudem erhielten alle Modelle serienmäßig eine heizbare Heckscheibe sowie eine Nebelschlussleuchte in der linken Heckleuchte.

Wartungsfreundlichkeit und „Reparaturdesign“

Weiteres Ziel der Stuttgarter Ingenieure: die Reduzierung der Unterhaltskosten durch verbesserte Zugänglichkeit zu Baugruppen und Teilen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: 
• Zeitersparnis: Durch eine optimierte Festlegung von Trennstellen zwischen Karosserieteilen konnte die Zeit für Instandsetzungen an Vorbau und Heck um bis zu 20 % gesenkt werden. Das Erneuern von Scheinwerferlampen benötigt sogar 33 % weniger Zeit.
• Motorwartung: Details wie neue Zylinderkopfdichtungen machen das Nachziehen der Schrauben beim ersten Dienst überflüssig. Zudem sind Motoröl- und Filterwechsel nun „zeitsparend von oben durchführbar“. Und: Die Motorhaube lässt sich nun auf 90 Grad öffnen, dadurch ist der Motorausbau ohne Demontage der Haube möglich. 

Die Diesel: unzerstörbare Dauerläufer

Die Dieselmotoren sind das Fundament des W123-Mythos. Sie basieren auf dem bewährten Vorkammer-Prinzip und zeichnen sich durch extreme Langlebigkeit aus.

200 D & 220 D (OM 615): Die Einstiegsmodelle leisteten anfangs 55 PS bzw. 60 PS. Mit der Modellpflege 1979 stieg die Leistung des 200 D auf 60 PS, der 220D wurde aus dem Programm genommen.

240 D (OM 616): Mit zunächst 65 PS (später 72 PS) das klassische Taxi-Aggregat und heute einer der gesuchtesten Diesel.

300 D (OM 617): Der legendäre Fünfzylinder brachte es auf 80 PS (später 88 PS) und galt als Inbegriff der souveränen Diesel-Fortbewegung.

300 D Turbodiesel: Das Spitzenaggregat (ab 1980/81) leistete 125 PS und blieb in der Limousine exklusiv dem US-Markt vorbehalten, während es in Europa im T-Modell (300 TD Turbodiesel) erhältlich war.

Die Benziner: von gediegen bis zum Autobahn-Schreck

Bei den Ottomotoren gab es 1980 eine Zäsur durch die Einführung der modernen M102-Vierzylinder mit Querstrom-Zylinderkopf.

M 115 (bis 1980): Die robusten Vierzylinder im 200 (94 PS) und 230 (109 PS) basierten auf bewährter Technik und waren bekannt für ihre Laufruhe, aber auch für ihren Durst.

M 102 (ab 1980): Die neuen Triebwerke im 200 (109 PS) und 230 E (136 PS) waren deutlich sparsamer und agiler. Der 230 E mit Bosch K-Jetronic Saugrohreinspritzung wurde schnell zum Volumenmodell.

M 123 (Sechszylinder): Das Modell 250 (129 PS, später 140 PS) besetzte die Lücke zum Topmodell, blieb jedoch aufgrund des hohen Verbrauchs der Solex-Doppelvergaser oft im Schatten der größeren Motoren.

M 110 (Das Topmodell): Der 2,8-Liter-Sechszylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen (DOHC) im 280 und 280 E (bis zu 185 PS) verwandelte den W123 in einen echten Sportwagen-Schreck auf der Autobahn.

Serienausstattung: Sicherheit und Komfort ab Werk

Obwohl die Preislisten der 70er Jahre für heute selbstverständliche Extras wie einen rechten Außenspiegel Aufschläge verlangten, war der W123 ab Werk mit Details ausgestattet, die ihn technisch weit vor die Konkurrenz hoben. Mercedes-Benz legte den Fokus dabei auf eine „passive Sicherheit ohne Kompromisse“. Zur Serienausstattung gehörten unter anderem:

Sicherheitslenksäule: Ausgestattet mit einem verformbaren Wellrohr, um bei einem Aufprall Verletzungen des Fahrers zu minimieren.

Gurtführung: Versenkte Gurtführungen und direkt an den Sitzrahmen montierte Gurtschlösser für einen stets optimalen Gurtverlauf.

Beleuchtung & Sicht: Eine Nebelschlussleuchte, die sich beim Ausschalten des Fahrlichts automatisch mit abschaltet, sowie eine heizbare Heckscheibe mit automatischer Abschaltfunktion.

Detaillösungen: Türgriffe mit Massenausgleich (gegen selbsttätiges Öffnen bei Unfällen), aerodynamisch optimierte Schmutzwasserabführung an den Seitenscheiben und eine Bremsbelag-Verschleißanzeige im Kombiinstrument.

Ergonomie: Eine für Fahrer und Beifahrer getrennt regelbare Heizung – ein Komfortmerkmal, das damals in der Mittelklasse keineswegs Standard war.
 

Neupreis ab 18.000 D-Mark, der rechte Außenspiegel kostet extra

Als Mercedes-Benz im Januar 1976 die Preise für den W123 bekannt gab, markierten diese einen deutlichen Sprung gegenüber der Vorgängerbaureihe. Der Einstieg in die Welt des W123 begann bei 18.381,60 DM für den 200, der 200D kostete zur Markteinführung 18.870 DM. Für das vorläufige Spitzenmodell, den 280 E, mussten Käufer anfangs 26.895,30 DM investieren – eine Summe, für die man damals andernorts bereits kleine Eigentumswohnungen oder zwei gut ausgestattete Mittelklassewagen der Konkurrenz erhielt.

Die legendäre Aufpreisliste
Trotz dieser ambitionierten Grundpreise war die Serienausstattung nach heutigen Maßstäben karg. Die Preisliste des W123 wurde schnell legendär, da sie es ermöglichte, den Fahrzeugpreis durch Sonderausstattungen nahezu zu verdoppeln. Viele Features, die heute selbstverständlich sind, mussten teuer erkauft werden:

Sicht und Komfort: Selbst der rechte Außenspiegel (Code 502) war nicht Serie, er kostete 94,35 DM. Ebenso kostete die Zentralverriegelung (Code 466) schon 310,80 DM Aufpreis, vier elektrische Fensterheber (Code 422) belasteten das Konto mit 1043,40 DM zusätzlich.

Technik: Eine Servolenkung (Code 422) schlug mit 643,80 DM zu Buche (Serie erst ab 1982), und für das damals revolutionäre ABS wurden bei seiner Einführung Anfang der 80er Jahre rund 2.300 DM fällig.

Getriebe: Das Automatikgetriebe kostete 1.609,50 DM Aufpreis. 

Modellpflege: Servolenkung für alle und Edelholz

Auch wenn der W123 aufgrund der immensen Nachfrage keine künstliche Verkaufsförderung benötigte, wurde die Baureihe laufend technisch und optisch verfeinert. Der W123-Club unterscheidet dabei zwei große, markante Modellpflegemaßnahmen:

1. Modellpflege (September 1979):
Neben optischen Neuerungen wie einem neuen Lenkrad-Design (analog zur S-Klasse W126) und geänderten Kopfstützen sowie Polsterstoffen lag der Fokus auf technischer Effizienz. Die Modelle 300 D und 250 erhielten eine Leistungssteigerung. Zudem wurde eine pneumatische Leuchtweitenregulierung eingeführt und die Bremsanlage für eine höhere Standzeit optimiert. Auch die Kundendienstintervalle wurden erstmals verlängert – ein Beweis für das wachsende Vertrauen in die Standfestigkeit der Technik.

2. Modellpflege (September 1982):
Diese letzte große Überarbeitung brachte den W123 optisch auf das Niveau der 80er Jahre. Die markanteste Änderung war die Einführung der großen Rechteckscheinwerfer für alle Modelle (zuvor den 280er-Typen vorbehalten). Im Innenraum wurde es leiser: Dank aerodynamischer Maßnahmen an den A- und C-Säulen verringerten sich die lästigen Windgeräusche während der Fahrt.

Serienmäßige Servolenkung: Ab diesem Zeitpunkt mussten Käufer für die leichtgängige Lenkung keinen Aufpreis mehr zahlen.

Interieur-Aufwertung: Alle Modelle erhielten edle Zebrano-Holzeinlagen im Armaturenbrett, Velours-Bodenbeläge und neue Sitzpolster, die dem Zeitgeist entsprachen.

Effizienz: Die Einführung der „Economy-Anzeige“ im Kombiinstrument unterstützte den Fahrer bei einer kraftstoffsparenden Fahrweise – eine Antwort auf die damals drängenden Energiefragen.

Sondermodelle: Vom Kranken- bis zum Leichenwagen

Der W123 war weit mehr als nur eine Stufenheck-Limousine; seine robuste Konstruktion machte ihn zur idealen Basis für hoch spezialisierte Varianten. Mercedes-Benz bediente diesen Markt einerseits durch Eigenentwicklungen ab Werk, andererseits durch die Lieferung von Fahrgestellen an externe Karosseriebaubetriebe.

V123: Die Langversion (V)
Für Repräsentationszwecke und Hotelzubringer bot Mercedes-Benz ab Werk die Limousine mit verlängertem Radstand an. Mit einem Zuwachs von 63 Zentimetern (Radstand 3,425 Meter) bot der V123 Platz für bis zu acht Personen auf drei Sitzreihen. Besonders als 240 D und 300 D war diese Version bei Taxiunternehmen weltweit geschätzt und prägte über Jahrzehnte das Bild vor exklusiven Hotels und Flughäfen.

Fahrgestelle für Sonderaufbauten (F)
Für spezialisierte Nutzungen lieferte Mercedes-Benz das Fahrgestell mit Teilkarosserie (F 123). Diese Basis wurde von namhaften Fachunternehmen wie Binz oder Miesen vollendet:

Krankenkraftwagen: Dank der Laufruhe und des stabilen Fahrwerks war der W123 das Standard-Rettungsfahrzeug der 70er und 80er Jahre. Binz-Aufbauten mit Hochdach und verlängertem Heck ermöglichten eine optimale Patientenversorgung.

Bestattungsfahrzeuge: Aufgrund seiner würdevollen und zeitlosen Optik war der W123 die bevorzugte Wahl der Bestatter. Individuelle Aufbauten verwandelten die Basis oft in Einzelstücke mit luxuriöser Innenausstattung. 

Wie viele W123-Mercedes wurden produziert?

Insgesamt wurden von der Baureihe W123 in der Zeit von 1975 bis 1985 fast 2,7 Millionen Fahrzeuge produziert. Die Limousine war dabei mit Abstand die erfolgreichste Karosserievariante.
Limousinen (W123): Von der klassischen viertürigen Limousine wurden rund 2.375.440 Einheiten gefertigt. 
Coupés (C123): Die zweitürigen Coupés, die ab 1977 das Programm ergänzten, wurden insgesamt 99.884 Mal gebaut.
T-Modelle (S123): Der erste von Mercedes-Benz selbst entwickelte Kombi („Tourismus und Transport“) erreichte eine Stückzahl von 199.517 Fahrzeugen.
Sondermodelle und Fahrgestelle:
Langversionen (V123): Von der Limousine mit verlängertem Radstand (acht Sitze) wurden 13.700 Stück produziert.
Fahrgestelle für Sonderaufbauten (F123): Für den Aufbau von Krankenwagen (z. B. durch Binz), Bestattungsfahrzeugen und anderen Spezialanwendungen wurden insgesamt 8.307 Fahrgestelle geliefert.

W123 - der Liebling eines Beatles

Der W123 war eines der wenigen Autos, in denen man sowohl vor den angesagtesten Clubs in Wien als auch vor dem New Yorker Dakota Building standesgemäß vorfahren konnte. Hier einige prominente Besitzer. 

John Lennon (1940-1980): Der wohl berühmteste W123-Fahrer war der Ex-Beatle. Lennon besaß einen 300 TD in „Colorado Beige“ (Foto). Es war das letzte Auto, das er bis zu seinem Tod im Jahr 1980 aktiv nutzte. Für den Musiker, der in New York ein eher zurückgezogenes Leben führte, war der Kombi das ideale, unauffällige Transportmittel für Besorgungen und Familienausflüge. Der 300 TD wurde 2018 von Worldwide Auctioneers in Auburn für 31.900 Dollar versteigert. 

Barry Gibb: Ein eindrucksvoller Beweis für die Treue zum W123 lieferte Sir Barry Gibb. Der Mitbegründer der Bee Gees („Night Fever“, „Stayin´Alive“) besaß seinen silbergrauen 280 TE stolze 29 Jahre lang. Der luxuriös ausgestattete Kombi war auf seinen Namen zugelassen und wurde erst 2017 über das Auktionshaus Bonhams in London an einen neuen Sammler übergeben.

Falco (Johann Hölzel) (1957-1998): Auch der österreichische Weltstar („Rock Me Amadeus“) schätzte den diskreten Luxus aus Stuttgart. Falco besaß ein weißes 230 C Coupé (Baujahr 1977).

Das T-Modell hat das Coupé preislich überholt

„Der W123 war über viele Jahre der Liebling der Young- und Oldtimerszene, mittlerweile aber eher vom Nachfolger W124 abgelöst wurde – obwohl dieser aus Sicht von Mercedes-Fans nicht mehr so ganz aus dem Vollen gefräst ist wie der W123. Interessant ist, dass bei diesem Modell – wie bei Mercedes üblich – zunächst die Coupés die teuersten Varianten waren, später wurde dann das T-Modell (als erster serienmäßiger Mercedes Kombi) zum Kultauto und wird heute bei vergleichbarer Motorisierung höher notiert."
Volle Auftragsbücher, volle Auslastung: Insgesamt wurden von der Baureihe W123 in der Zeit von 1975 bis 1985 fast 2,7 Millionen Fahrzeuge produziert. Die Limousine war dabei mit Abstand die erfolgreichste Karosserievariante.

Volle Auftragsbücher, volle Auslastung: Insgesamt wurden von der Baureihe W123 in der Zeit von 1975 bis 1985 fast 2,7 Millionen Fahrzeuge produziert. Die Limousine war dabei mit Abstand die erfolgreichste Karosserievariante.

Hommage an den W123 von einem OCC-Urgestein

Dass der W123 mehr ist als nur die Summe seiner technischen Daten, weiß kaum jemand besser als Tim Nagel (OCC-Urgestein und Oldtimer-Fachmann), der selbst lange Zeit einen 300 D (unser Titelfoto) über den Asphalt dirigierte. Sein Rückblick ist eine Liebeserklärung an eine Zeit, in der Autos noch Charaktereigenschaften besaßen – und Türen wie Tresore schlossen: „Der Mercedes W123 galt zu seiner Blütezeit zwischen 1976 und 1985 als das Auto für Spießer. Die 200er Limousine fuhr die gehobene Arbeiterklasse, oft vom Munde abgespart; der wohlhabende Bauer leistete sich das T-Modell und der Apotheker das 280er Coupé.

Sparbüchse für Sparfüchse

Die Sparfüchse griffen zum 200 D mit 60 nagelnden Diesel-Gäulen – genau wie die Taxifahrer. Wer es eiliger hatte, nahm den 300 D mit kräftigen 80 PS (später 88 PS), und 1982 kam gar der Turbodiesel mit für damalige Verhältnisse unglaublichen 125 PS! Ja, so einen Mercedes kaufte man sich meist als Geschenk zur Pensionierung. Garniert wurde das Ganze oft mit nur sehr wenigen Extras. Meist setzte der gesetzte Herr seine Kreuze lediglich bei Automatik, Servolenkung und Zentralverriegelung. Im Kaufrausch reichte es manchmal noch für den rechten Außenspiegel – ja, selbst dieser kostete bei den ambitionierten Grundpreisen extra.

Zutaten wie Leder, Klimaanlage oder elektrische Fensterheber waren viel zu exklusiv und wurden selten geordert. Auch technische Leckerbissen wie ABS und Airbag waren bereits erhältlich, für die betagtere Kundschaft jedoch oft viel zu modern. Der Grundpreis ließ sich durch exzessives Ankreuzen übrigens problemlos verdoppeln. Das schreckte niemanden ab: Lieferzeiten von bis zu drei Jahren und Preise für Jahreswagen, die über dem Neupreis lagen, bestätigten den Erfolg eindrucksvoll.

Alles war so schön bunt

In den 70ern war das Autoleben noch bunt. Es standen Farben zur Auswahl wie Ahorngelb, Saharabeige, Cayenneorange, Eibengrün oder Inkarot. Für die ganz Mutigen gab es Heliosgelb außen und innen Moosgrün oder gar Hennarot – der letzte Schrei! Die meisten W123 fanden ihr Zuhause in den Garagen gut situierter Pensionäre, die sie regelmäßig zum ‚Haus mit dem Stern‘ brachten. Leider liebte auch Väterchen Rost den W123 und dezimierte den Bestand erheblich. So fanden viele nicht mehr TÜV-fähige Diesel den Weg nach Übersee, wo sie selbst heute noch täglich schuften. In Deutschland existieren heute beispielsweise nur noch knapp 5 % aller 280 CE Coupés; bei den Dieseln liegt der Anteil gar nur noch zwischen 1 und 2 %.

Warum war ein Mercedes damals so begehrenswert? Die Zuverlässigkeit war legendär; statistisch liefen die Diesel 600.000 Kilometer bis zur ersten Panne. Was sollte auch groß kaputtgehen? Elektronik gab es nicht, fast alles war rein mechanisch. Die Vorderachse mit ihrem Doppelquerlenker-Prinzip ist simpel und wartungsfrei. Durch den Lenkrollradius Null entstehen keine störenden Kräfte beim Bremsen, was das Fahrzeug sehr ruhig liegen lässt – Spurrillen interessieren den W123 nicht.

Freudentränen und Stolz

Fährt man heute mit einem 123er in eine Mercedes-Werkstatt, kommen die alten Meister angelaufen, nur um das Geräusch der Türen zu hören – sie fallen ins Schloss wie bei einem Tresor. Öffnet man die Haube und es steckt der berühmte M110-Motor des 280 E mit seinen zwei Nockenwellen darunter, sind sie den Freudentränen nahe. Passanten bleiben stehen: ‚So einen hatte ich auch mal‘ oder ‚Das war Papas Stolz‘, hört man oft.

Der 123er überzeugt bis heute mit voller Alltagstauglichkeit. 500 Liter Kofferraum sind eine Ansage, das Fahrwerk ist eine Wohltat gegen die Rumpelkisten der heutigen Zeit. Und geht doch mal etwas kaputt, gibt es fast jedes Teil beim Mercedes-Händler: heute bestellt, morgen geliefert. Reparieren kann ihn jeder Dorfschmied, es braucht keine Diagnosecomputer. Elektronikprobleme? Ein guter Witz, es gibt ja keine! Keine Start-Stopp-Automatik nervt, kein Fahrwerk muss per Menü eingestellt werden. Zum Ölstandmessen ziehe ich einfach den Messstab heraus. Ich muss weder die Beleuchtungsfarbe auswählen noch mich über einen Regensensor ärgern oder die Intensität der Sitzheizung in Untermenüs suchen.

Das Leben kann so herrlich einfach sein

Ich setze mich einfach rein, lasse die Tür ins Schloss fallen und drehe den Schlüssel um. Der Doppelnocker erwacht mit einem grummeligen Bass. Ich stelle die Automatik auf ‚D‘ und cruise von dannen. Die Gänge wechseln butterweich, das große Lenkrad lädt zum Gleiten ein. Hach, kann das Leben herrlich einfach sein! Und wenn ihn Väterchen Rost nicht geholt hat, fährt dieser Wagen in 30 Jahren immer noch – wenn die ganzen modernen Elektronik-Kisten schon lange im Jenseits sind.“

Fotos: Mercedes-Benz AG | Tim Nagel | Worldwide Auctioneers

Wir bedanken uns bei Mercedes-Benz Classic und dem Mercedes-Benz W123-Club e.V für die fachliche Unterstützung. 

Ruhe und Entschleunigung

„Der Mercedes-Benz W123 entschleunigt, vermittelt Ruhe und zeigt, was wahre Qualität ist. Genau darin liegt seine anhaltende Faszination. Der 123er überzeugt auch heute noch mit voller Alltagstauglichkeit, 500 Liter Kofferraum sind eine Ansage, das Fahrwerk ist eine Wohltat gegenüber vielen aktuellen Fahrzeugen. Man setzt sich einfach rein, lässt die Tür mit einem satten Plopp ins Schloss fallen und dreht den Schlüssel um. Insbesondere die Diesel nageln beruhigend vor sich hin. Das große Lenkrad lädt einfach zum Cruisen ein.“

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

44 Jahre alter Mercedes 240D sauberer als moderner BMW X3

26. Juni 2020

Saubermann oder alter Stinker? Der Mercedes W123-Club hat jetzt die Schadstoffemissionen eines 44 Jahre alten Mercedes 240 D gemessen. Heraus kamen Ergebnisse, die wirklich überraschen...

Mehr erfahren

Stern-Stunden in Mannheim: Interview mit der Urenkelin von Carl Benz

9. April 2026

Ein berühmter Name und eine weltbekannte Familie: Interview mit Jutta Benz, Urenkelin von Autoerfinder Carl Benz.

Mehr erfahren