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Bremens vergessene PS-Giganten: Carsten Pätzold und das Erbe von Goliath und Borgward

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Von DORIAN RÄTZKE
Wer an deutsche Autostädte denkt, hat meist sofort Stuttgart, München oder Wolfsburg im Kopf. Doch für viele gibt es einen echten „Aha-Effekt“, wenn sie in die Geschichte blicken: Bremen war früher einer der bedeutendsten Automobilstandorte Deutschlands mit Marken wie Borgward, Lloyd und Goliath. Einer, der dafür sorgt, dass diese norddeutsche Tradition nicht in Vergessenheit gerät, ist Carsten Pätzold. Der Karosserie- und Fahrzeugbauer aus Bremen besitzt die wohl größte Goliath-Sammlung Deutschlands und hat eine Mission: Er will das Erbe seiner Heimat nicht nur im Museum bewahren, sondern direkt in die Hände der nächsten Generation legen. Im OCC-Magazin erzählt Pätzold u.a., wie er sich durch den Verkauf von Gebrauchtwagen ein kleines Vermögen aufbaute, mit dem er seine enorme Sammlung finanzierte. 

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Bewahren statt nur Sammeln: Für Carsten Pätzold ist die Arbeit an den Klassikern eine Herzensangelegenheit, die er heute als Beirat für Jugendarbeit an die nächste Generation weitergibt – damit wertvolles Fachwissen nicht verloren geht. Einige Fahrzeuge hat er schon an Nachwuchsschrauber verschenkt.

Bewahren statt nur Sammeln: Für Carsten Pätzold ist die Arbeit an den Klassikern eine Herzensangelegenheit, die er heute als Beirat für Jugendarbeit an die nächste Generation weitergibt – damit wertvolles Fachwissen nicht verloren geht. Einige Fahrzeuge hat er schon an Nachwuchsschrauber verschenkt. 

Ein Bluff am Werkstor als Ursprung der Leidenschaft

Die Leidenschaft für den Bremer Automobilbau wurde Carsten Pätzold quasi in die Wiege gelegt. Sie beginnt mit einer fast unglaublichen Geschichte seines Großvaters, der nach dem Krieg als Schmiedemeister Arbeit suchte. Fragt man Pätzold heute, wie sein Großvater damals eigentlich ohne Termin zum legendären Firmenchef Carl F. W. Borgward gelangte, muss er schmunzeln.
„Mein Großvater ist mit dem Fahrrad von Melchershausen zu den Borgward-Werken gefahren, hat sich am Werkstor vorgestellt und gesagt, er wolle seinen Pullman abholen“, erzählt er. Da man ohne einen solchen Vorwand kaum zum Chef – dem „Alten“ – vorgelassen wurde, war dies sein Ticket. Auf die ungläubige Nachfrage im Werk, ob er wirklich einen Pullman abholen wolle, entgegnete er trocken: „Ja, aber bevor ich das tue, brauche ich erst mal Arbeit.“ Der Mut zahlte sich aus: Er wurde Schmiedemeister in der Produktion und leitete fortan die Fertigung des berühmten Goliath-Dreirads. „So ist dann die Liebe zu den Bremer Automobilen entstanden.“

Auto-Verkauf statt Disko – 5.000 Mark pro Wochenende verdient

Pätzold selbst verbrachte seine Kindheit auf Schrottplätzen und zwischen Autoteilen. Von seinem Großvater lernte er bereits im Alter von sechs Jahren das Schweißen – eine Fähigkeit, die den Grundstein für sein späteres Berufsleben und seine Sammlung legte. 
In den 80er-Jahren entwickelte er einen ausgeprägten Geschäftssinn für altes Blech: „Ich habe damals Autos für 500 Mark gekauft, sie aufbereitet und an Fahranfänger weiterverkauft. So habe ich am Wochenende teilweise 3.000 bis 5.000 Mark gemacht.“ 
Während seine Kumpels am Wochenende „für 500 Mark in die Disko gingen“, investierte Pätzold seine Zeit lieber in den Verkauf und die Reparatur von Fahrzeugen. Oft kaufte er die Wagen später für kleines Geld zurück, bereitete sie erneut auf und verkaufte sie wieder mit Gewinn. Dieser frühe Unternehmergeist ermöglichte ihm den Aufbau seiner beeindruckenden Sammlung.

Carsten Pätzold prüft den Innenraum eines geretteten, aber lädierten Borgward Alligator. Zwischen Patina und Technik wird deutlich, was ihn antreibt: historische Substanz bewahren, ohne ihr die Seele zu nehmen.

Carsten Pätzold prüft den Innenraum eines geretteten, aber lädierten Borgward Alligator. Zwischen Patina und Technik wird deutlich, was ihn antreibt: historische Substanz bewahren, ohne ihr die Seele zu nehmen.

Weltpremiere aus dem Norden in „Freilandhaltung“

In Pätzolds Sammlung findet sich ein ganz besonderer Schatz: ein Goliath GP 700e aus dem Jahr 1954. Das Auto sieht auf den ersten Blick mit seinem Rost und den Löchern mitgenommen aus – Pätzold nennt es liebevoll „Freilandhaltung“, da der Wagen nie eine Garage sah. Doch blickt man hinter die Fassade und fragt nach dem technischen Wert für die Automobilgeschichte, wird klar, warum dieser Wagen ein Schatz ist.
„Es war das erste deutsche Serienfahrzeug mit direkter Benzineinspritzung“, erklärt Pätzold mit Stolz. „Noch vor Mercedes und so weiter hatte Goliath schon diese Einspritzung.“ Tatsächlich war der Bremer Autobauer damit weltweit der Vorreiter beim Benziner. „Da kann man sagen, der Norden war ja da schon dem Süden gegenüber ebenbürtig.“ Für Pätzold ist dieser Wagen ein „unwiederbringliches“ Kunstobjekt, an dem nichts glattrestauriert werden soll. Das Ziel ist ein anderes: „Die Aufgabe ist, mit Jugendlichen dran zu arbeiten und die nicht mehr funktionierende Technik wieder instand zu setzen.“

Das lebendige Erbe in jungen Händen

Pätzold, der mittlerweile kurz vor seinem 60. Geburtstag steht, macht sich viele Gedanken über die Zukunft. Er besitzt eine riesige Sammlung von Klassikern, die nicht ausschließlich den Bremer Automobilbau abbildet und zeitweise weit über 50 Fahrzeuge umfasste. Doch warum ist es ihm so wichtig, junge Leute direkt an die Mechanik heranzuführen, statt ihnen einfach Fachbücher in die Hand zu drücken?
„Es nützt auch nichts, wenn wir das irgendwo aufschreiben, weil kein Jugendlicher weiß, wo er dann in diesem Wust der Zettel suchen soll“, stellt Pätzold klar. Er ist überzeugt, dass man Technik anfassen und verstehen muss, statt nur darüber zu lesen. Deshalb engagiert er sich als Beirat für Jugendarbeit im DEUVET e.V., der mit „Junge Talente und alte Technik“ extra ein neues Format für den Nachwuchs ins Leben gerufen hat. Dabei geht Carsten Pätzold ungewöhnliche Wege: Er verschenkt sogar einen Teil seiner Fahrzeuge an Jugendliche, die Lust auf das Handwerk haben, aber nicht das nötige Kleingeld besitzen.
Dabei folgt er einer persönlichen Philosophie: „Ich möchte zu Lebzeiten wissen, dass es auch danach weitergeht.“ Sein Motto ist ebenso schlicht wie großzügig: „Ich gebe lieber mit warmer Hand – denn wenn ich morgen nicht mehr bin, kann ich nichts mehr bewirken.“ So stellt Carsten Pätzold sicher, dass die Bremer Autotradition nicht im Archiv verharrt, sondern in den Händen der nächsten Generation lebendig bleibt.

PS: Wer Interesse an den Fahrzeugen von Carsten Pätzold hat, kann ihn direkt unter 0151-24039451 erreichen.

Fotos: Autobild Klassik / Michael Nehrmann | Carsten Pätzold 

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