Das Millionen-Rätsel unter Glas: Wenn Forensik über den Ferrari-Wert entscheidet
Von DORIAN RÄTZKE
Ein sündhaft teurer Ferrari 250 GT SWB California Spider, ein paar Millimeter Glas und die Frage nach der absoluten Wahrheit: Was ist echt und was nicht?
Im High-End-Segment der Klassiker entscheiden oft kleinste Details über siebenstellige Summen. Am 28. Januar 2026 versteigerte Sotheby’s in Paris einen 250 GT SWB California Spider by Scaglietti. Schätzpreis um 12 Millionen Euro. Vorher wurde das Juwel von deutschen Spezialisten unter die Lupe genommen. Ihr Auftrag: Festellen, ob die Scheinwerfer schon ab Werk unter Glas waren. Ein wahres Krimirätsel, das meisterhaft gelöst wurde. Kfz-Sachverständiger Niclas Kukuk von Glahn (Ingenieurbüro Klaus Kukuk, Overath) erzählt im OCC-Magazin über den delikaten Fall – und klärt auf, warum der Verstand manchmal wichtiger ist als jedes Röntgengerät.
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Der 12-Millionen-Ferrari auf der Hebebühne: Um die ursprüngliche Ausführung der Frontpartie zweifelsfrei zu klären, setzte das Ingenieurbüro Kukuk auf ein internationales Netzwerk. Im Vordergrund: Seniorchef Klaus Kukuk (li.), Dr.-Ing. Annalisa Fortini und Prof. Dr.-Ing. Gian Luca Garagnani
Die Anatomie der Begehrlichkeit
Es gibt Autos, die sind mehr als nur Fortbewegungsmittel; sie sind rollende Wertanlagen, bei denen jede Schraube unter dem Mikroskop landet. Der Fall des Ferrari 250 GT SWB California Spider von 1960 (Fahrgestellnummer 1915 GT) illustriert den Wahnsinn und die Faszination der Szene perfekt. Hier geht es nicht um „schön“ oder „schnell“, sondern um die Werkskonfiguration der Scheinwerfer. Ist es wirklich einer von 39 produzierten Ferrari 250 GT SWB California Spider, die das Werk mit einer Glasabdeckung über den Scheinwerfern verlassen haben? Eine Frage, die den Marktwert massiv beeinflussen kann. Da geht es nicht mehr um ein paar tausend Euro, sondern um größere Summen. Auf die Frage, wie man mental mit dieser Verantwortung umgeht, bleibt Niclas Kukuk von Glahn gelassen: „In meinen Augen ist es wichtig, den Wert eines Fahrzeugs im Hinterkopf zu haben, sich aber davon nicht beeinflussen zu lassen. In unserer Philosophie richtet sich der Wert nach dem wahren Zustand der einzelnen Baugruppen des gesamten Fahrzeuges und klar, nach der Originalität der Identität.“
Detektivarbeit zwischen Gussnummern und Werksarchiv
Die moderne Klassiker-Prüfung hat wenig mit dem lockeren Rundgang eines Gebrauchtwagenchecks zu tun. Es ist Forensik auf höchstem Niveau. Im Falle des California Spiders reichte der Blick in die Garage nicht aus. Um die ursprüngliche Ausführung der Frontpartie zweifelsfrei zu klären, setzte das Ingenieurbüro Kukuk auf ein internationales Netzwerk. Nach ersten Indizien in Deutschland führte der Weg nach Italien. In Maranello arbeitete das Team eng mit Toni Auto (bereits in 3. Generation Ferrari-Spezialisten) zusammen. Doch für die letzte, wissenschaftliche Gewissheit zog man die Universität Ferrara, vertreten durch Dr.-Ing. Annalisa Fortini sowie Prof. Dr.-Ing. Gian Luca Garagnani hinzu. Mittels Spektralanalyse der Werkstoffe und einer detaillierten Untersuchung der Frontstruktur – inklusive Materialstärken und historischer Schweißnähte – konnte belegt werden: Die Front ist werksoriginal.
Detektivarbeit des Ingenieurbüros Kukuk: Mittels Spektralanalyse der Werkstoffe und einer detaillierten Untersuchung der Frontstruktur – inklusive Materialstärken und historischer Schweißnähte – konnte belegt werden: Die Front des Ferrari 250 GT SWB California Spider by Scaglietti (Fahrgestellnummer 1915 GT) ist werksoriginal. Hier die Untersuchung bei Toni Auto in Maranello.
Warum der Verstand so wichtig ist
Niclas Kukuk von Glahn betont, dass Technik allein jedoch nicht alles ist: „Für mich ist jede Untersuchung Teamarbeit. Das Wissen der meisten Eigentümer über die Historie ihres spezifischen Fahrzeugs ist wichtig, genauso wie die Erfahrung der Typreferenten und dem Herstellerarchiv.“ Auf die Frage nach dem ultimativen Werkzeug in seinem Koffer folgt eine überraschend bodenständige Antwort: „Der Verstand. Kein Werkzeug der Welt hilft dir, wenn du nicht deinen Verstand einschaltest.“ Trotz Spektroskopie, Ultraschall, Röntgen und Schichtdickenmessung bleibt der Mensch die letzte Instanz – vor allem, weil Fälschungen immer besser werden. Niclas Kukuk von Glahn warnt: „Man ist immer wieder erstaunt, wie viele schlechte Fälschungen bisher schon von ‚Experten‘ unentdeckt blieben.“
Wenn das Metall der Akte widerspricht
Ein spannender Konflikt in der Welt der Sachverständigen ist das Duell zwischen Theorie (Papier) und Praxis (Blech). Was passiert, wenn die Werksunterlagen etwas anderes sagen als das, was vor einem in der Garage steht? Für Niclas Kukuk von Glahn ist das kein Widerspruch, sondern eine Zeitreise: „Die Werksunterlagen geben den Auslieferungszustand preis, also die Vergangenheit. Das Fahrzeug zum Zeitpunkt der Untersuchung die Gegenwart. Diese Punkte gilt es miteinander zu verknüpfen.“
Bei den Untersuchungen setzt Niclas Kukuk von Glahn auf Teamarbeit: "Das Wissen der meisten Eigentümer über die Historie ihres spezifischen Fahrzeugs ist wichtig, genauso wie die Erfahrung der Typreferenten und dem Herstellerarchiv.“
Das Paradoxon der Perfektion
In der Community herrsche oft ein Fetisch für den „Über-Zustand“. Doch wer sein Auto „besser als neu“ macht, radiere oft dessen Geschichte aus. Niclas Kukuk von Glahn sieht diesen Trend kritisch. Besonders bei Scheunenfunden sei die Authentizität oft greifbarer als bei hochglanzpolierten Concours-Siegern. „Wenn ein Fahrzeug auf Concours-Niveau restauriert wurde, fehlen oft spannende und notwendige Aspekte der Authentizität.“ Es geht um die „technische Evolution“, die man feiern sollte, statt sie unter Schichten von modernem Lack zu begraben. Das gilt auch für das Thema „Matching Numbers“. Niclas Kukuk von Glahn geht hier weit über Motor- und Fahrgestellnummern hinaus und prüft Gussdaten von Kleinteilen und Glasmarkierungen. Er stellt sogar provokante Fragen: „Ob ein 50er-Jahre Rennwagen wirklich einen Matching-Numbers-Motor besitzen kann“, sei bei tieferer Prüfung oft kritisch zu hinterfragen.
Der teuerste Fehler: Erst unterschreiben, dann prüfen
Am Ende des Tages ist der Markt für Millionen-Klassiker trotz aller Romantik ein knallhartes Geschäft. Und der häufigste Fehler, den Käufer machen? Er ist so simpel wie fatal. „Sie kaufen, BEVOR sie uns anrufen“, so das ernüchternde Fazit des Experten. Oft sei es die Angst, den „Sammlergeist“ zu stören oder einfach die falsche Scheu, eine externe Prüfung zu verlangen. Ein teurer Stolz: „Der Schaden ist hinterher um ein Vielfaches höher, IMMER.“ Wer also bei einem der 39 gebauten California Spider mit der Scheinwerferabdeckung aus Glas mitreden will, sollte sicherstellen, dass nicht nur die Ästhetik stimmt, sondern auch die forensische Wahrheit unter dem Glas. Manchmal kann das Hobby Oldtimer ganz schön knifflig sein…
PS: Der 250 GT SWB California Spider by Scaglietti wurde übrigens für 14,067 Mio. Euro versteigert.
Fotos: Ingenieurbüro Klaus Kukuk
Eingespieltes Team: Sachverständiger Niclas Kukuk von Glahn und Dipl.-Ing. Laura Kukuk von Glahn sind weltweit gefragte Oldtimer-Spezialisten. Seniorchef Klaus Kukuk gründete das gleichnamige Unternehmen 1986.
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