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Junger Fahrer, ewiger Stern: Deert (20) und sein Millionen-Taxi

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Von DORIAN RÄTZKE
Während viele in seinem Alter nach dem neuesten Leasing-Deal oder einem hippen E-Auto schielen, hat sich der 20-jährige Deert Ryll für ein Fahrzeug entschieden, das bereits mehrere Leben hinter sich hat. In seiner Freizeit – wenn er nicht gerade seine Ausbildung zum Restaurantfachmann absolviert – steuert der Hamburger ein Stück Zeitgeschichte durch den Verkehr. Sein Gefährt: Ein Mercedes-Benz W124 T-Modell aus dem Jahr 1991. Es ist kein gewöhnlicher Gebrauchtwagen, sondern ein ehemaliges Taxi in klassischem Elfenbein, dessen Tacho die astronomische Marke von 1,3 Millionen Kilometern überschritten hat. Und es sollen noch viel mehr werden...

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Made in Germany: der Mercedes-Benz 250 TD Saugdiesel mit dem OM 602 D 25-Motor (94 PS, 158 Nm Drehmoment, 160 km/h Spitze mit Automatik).

Made in Germany: der Mercedes-Benz 250 TD Saugdiesel mit dem OM 602 D 25-Motor (94 PS, 158 Nm Drehmoment, 160 km/h Spitze mit Automatik).  

Ein Dauerläufer als Familienprojekt

Die Leidenschaft für altes Blech liegt bei den Rylls in der Familie. Deert und sein Vater Lars, ein selbstständiger Messebauer, sind bekennende Oldtimerfans. In ihrem Fuhrpark finden sich Schätze wie ein BMW E38 740iL aus Beständen der Bayerischen Staatskanzlei oder Deerts eigener Mercedes 190D. Die Idee zum Millionen-Taxi entstand aus einer sportlichen Herausforderung: „Mein Vater und ich brauchten ein Auto für die Rallye Porto Ready, bei der nur Fahrzeuge zugelassen sind, die bereits über 500.000 Kilometer gelaufen haben“, erklärt Deert den Einstieg. Da auf dem normalen Markt nichts Passendes zu finden war, führte der Weg zum lokalen Händler „KN Klassik“. Dort stand das Taxi mit der Millionen-Laufleistung. „Genau dieses Auto wollten wir nehmen, weil die Mercedes W124 Taxi-Modelle vor allem für ihre extreme Haltbarkeit bekannt sind.“
Dass diese Entscheidung richtig war, merkte er sofort: „Ich muss ehrlich sagen: Dieses Taxi fährt sich besser als die meisten Neuwagen, die ich kenne.“ Zwar habe der Wagen Gebrauchsspuren, aber der Fahrspaß sei ungebrochen. Sogar Deerts Mutter hat eine ganz persönliche Verbindung zu dem Wagen: „Sie wurde früher nach dem Feiern einmal genau mit diesem Taxi nach Hause gefahren.“

Qualität „Made in Germany“ und starke Freunde

Was den angehenden Restaurantfachmann fasziniert, ist die kompromisslose Verarbeitungsqualität vergangener Tage. „Was mich jedes Mal aufs Neue beeindruckt: Egal ob Kunststoff, Stahl oder Holz im Innenraum – man kann überall draufdrücken, nichts knarzt oder klappert“, beschreibt Deert die Anmutung. Die Qualität stehe im krassen Gegensatz zu heutigen Aggregaten, die „teilweise sogar von Renault stammen“. Obwohl die Taxi-Beleuchtung aus rechtlichen Gründen weichen musste, sind viele Details erhalten geblieben. „Zum Beispiel die Sitze: Sie stammen von einer anderen Firma, sind bis heute nicht durchgesessen und extrem bequem“, so Deert. Viele Teile sind tatsächlich noch die ersten aus dem Jahr 1991, darunter das Lenkrad, die Innenausstattung, der Motor und das Getriebe, das lediglich eine Revision hinter sich hat. Wenn es doch mal etwas zu reparieren gibt, können sich Deert und Lars auf ihren Freundeskreis verlassen. Auch wenn sie leidenschaftliche Fans sind: Beim Schrauben helfen ihnen erfahrene Freunde, damit die Technik auch die nächsten hunderttausend Kilometer übersteht.

Von Serpentinen und dem fehlenden Rückwärtsgang

Dass das Prädikat „unkaputtbar“ keine leere Werbefloskel ist, bewies das Gespann auf einer 4.500 Kilometer langen Tour bis nach Tirana in Albanien. „Das Schönste an dem Auto ist der Komfort. Man sitzt unglaublich gemütlich“, erinnert sich Deert. Doch ein 34 Jahre alter Diesel auf großer Reise sorgt auch für Nervenkitzel: „Die aufregendste Geschichte war, dass wir in fast jeder Serpentine Angst hatten, der Kühler könnte platzen. Dazu kamen ein paar Sicherungsprobleme – die wir aber alle beheben konnten.
Die größte Herausforderung wartete jedoch auf der Rückfahrt aus Albanien: „Da ging in der Slowakei das Getriebe kaputt.“ Doch Aufgeben war keine Option. „Ein riesiges Dankeschön an meinen Vater Lars, der das Auto tatsächlich nur im dritten Gang von Österreich bis nach Hamburg zurückgebracht hat.“

Ein Statement gegen den Zeitgeist

Wenn Deert an der Berufsschule oder im Freundeskreis vorfährt, sind die Reaktionen vorprogrammiert. „Oft reagieren Leute zuerst mit Kopfschütteln und fragen sich, ob das Auto überhaupt noch fahrtüchtig ist oder gleich auseinanderfällt. Aber viele finden es extrem witzig und bewundern, dass man ein Auto mit so einem hohen Kilometerstand noch fährt.“ Für Deert ist der W124 das überlegene Konzept, selbst im Vergleich zum legendären Vorgänger W123. „Persönlich finde ich den W124 deutlich ansprechender als den W123. Der Innenraum des W123 ist mir etwas zu altbacken. Außerdem gefallen mir die Bruno-Sacco-Designs des W124 deutlich besser.
Die Reise ist noch lange nicht zu Ende. Das große Ziel steht fest: „Die zwei Millionen Kilometer zu knacken wäre natürlich ein absoluter Traum. Insgeheim plane ich mit meinem Vater, noch einmal ganz Europa zu bereisen und die Länder-Sticker am Auto weiter zu ergänzen.“ Bei so viel schwäbischer Wertarbeit und familiärem Zusammenhalt besteht kaum ein Zweifel, dass der Kilometerzähler noch sehr lange weiterdrehen wird...

Fotos: Deert Ryll 

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