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Olympia, Oldtimer, Unfallforschung: Warum sogar Hollywood auf die Expertise von Prof. Dr. Jochen Buck setzt

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Von DORIAN RÄTZKE
Seine Expertise ist so begehrt, dass ihn sogar Hollywood-Regisseure für Filmprojekte um Rat bitten … Prof. Dr. Jochen Buck ist einer der profiliertesten Unfallforscher Deutschlands, Oldtimer-Experte und leitet den Hochschulcampus am Nationalen Automuseum (The Loh Collection). Im Interview mit dem OCC-Magazin spricht er über den „Sherlock-Holmes-Blick“ auf Klassiker, die Professionalisierung von Fälschungen und warum 100 % Einsatz im Bobsport genauso wichtig sind wie bei einem gerichtsfesten Gutachten.

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Prof. Dr. Jochen Buck am Eingang des Nationalen Automuseums (The Loh Colection). Er leitet hier den Hochschulcampus, bei dem u.a. der Zertifikatskurs "Certified Expert for Historic Cars CEHC" erworben werden kann.

Prof. Dr. Jochen Buck am Eingang des Nationalen Automuseums (The Loh Collection). Er leitet hier den Hochschulcampus, bei dem u.a. der Zertifikatskurs „Certified Expert for Historic Cars CEHC“ erworben werden kann. 

Die Suche nach der Wahrheit: Mehr als nur Lackschichten

Herr Professor Buck, wenn Sie vor einem hochkarätigen Klassiker stehen: Wo schaut der Forensiker zuerst hin? Reicht heute noch das klassische Lackschicht-Messgerät?
Prof. Dr. Jochen Buck: „Ein Lackschicht-Messgerät allein ist für einen Laien oft eher verwirrend als hilfreich. Man muss diese Werte interpretieren können. Nehmen wir an, wir messen unterschiedliche Dicken: Das kann ein Indiz für einen reparierten Unfallschaden sein, es kann aber bei einem Fahrzeug, das früher von Hand lackiert wurde, geradezu ein Beweis für die Originalität sein. Der forensische Blick ist ganzheitlich und interdisziplinär. Ich vergleiche das oft mit der Identifizierung eines Skeletts oder einer Person in der forensischen Morphologie. Wenn ein Befund aus einer Disziplin nicht schlüssig ist, schlägt der Alarm für die weitere Expertise an. Wir schauen heute viel tiefer und verwenden alle zur Verfügung stehenden Disziplinen.“

Wie tief genau? Welche Rolle spielt die moderne Technik in Ihrem „Werkzeugkoffer“?
Prof. Dr. Jochen Buck: „Wir nutzen heute mobile Röntgengeräte und hochauflösende 3D-Scans. Damit können wir Schweißnähte oder Materialgefüge unter dem Lack sehen, ohne das Auto zu beschädigen. Aber Technik ist nicht alles. Wir setzen mittlerweile auch KI-Agenten ein, die für uns das Internet und riesige Datenbanken nach der spezifischen Historie eines Wagens durchforsten können. Was früher Wochen in Archiven dauerte, erledigt die KI binnen Sekunden. Aber Vorsicht: Die KI ist nur ein Hilfsmittel. Ein fehlender Treffer in einer Datenbank ist noch kein Beweis für die Echtheit – oder eben die Fälschung.“

Zwischen Kunst und Kriminalität

Apropos Fälschung: Die Szene spricht oft von „künstlicher Patina“. Ist die Alterungstechnik heute so perfekt, dass selbst Experten ins Grübeln kommen?
Prof. Dr. Jochen Buck: „Absolut. Es ist beeindruckend und erschreckend zugleich, was heute machbar ist. Die Grenze zwischen einer legitimen Rekonstruktion – etwa bei einem historischen Rennwagen, der im Einsatz zerstört wurde – und einer bewussten Fälschung zur Wertsteigerung ist fließend. In meinen Vorlesungen diskutieren wir deshalb auch intensiv über Ethik, eigentlich ja selbstverständlich. Das Auto ist ein kulturhistorisches Gut, kein reines Spekulationsobjekt. Wir müssen uns fragen: Wie viel ‚neues´ Material verträgt die Geschichte eines Autos, bevor die Seele verloren geht?“

Akademische Pionierarbeit: Der Master für Klassiker

Sie etablieren gerade wissenschaftliche Standards in einem Bereich, der oft von „Bauchgefühl“ geprägt war. Was genau lehren Sie am Hochschulcampus des Nationalen Automuseums?
Prof. Dr. Jochen Buck: „Wir wollen die Begeisterung für alte Technik nutzen, um Wissen zu sichern. Gemeinsam mit OCC haben wir den „Certified Expert for Historic Cars CEHC“ ins Leben gerufen. Da geht es knallhart um Qualitätssicherung bei Gutachten. Wer ein Millionen-Auto versichert, braucht mehr als eine oberflächliche Einschätzung, und wer sein „Heiligsblechle“ versichert, hat ebenfalls Anspruch auf höchste Qualität des Gutachtens. Ganz neu ist unser Master-Studiengang zur Oldtimer-Forensik „Analysis of the Automobile in its cultural and historical Backround“ (AchB), der auf dem Zertifikatskurs CEHC aufbaut. Wir bilden Leute aus, damit diese bei einer Begutachtung ein Fahrzeug auch wissenschaftlich einordnen können – technisch, historisch und rechtlich. Dies sind Sachverständige, Sammler und Enthusiasten. Das Interesse ist gewaltig, weil die Menschen spüren, dass das Automobil ein schützenswertes Kulturgut ist, auch wenn es politisch manchmal anders dargestellt wird. Deshalb ist gerade auch die Begutachtung in diesem Fachbereich mit einem normalen technischen Gutachten nicht vergleichbar.“

Als Vizepräsident des Bob- & Schlittenverband für Deutschland e.V. (BSD) hatte Prof. Dr. Jochen Buck (Mitte) bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Cortina d'Ampezzo allen Grund zur Freude. Anschieber Georg Fleischhauer (li.) holte mit seinem Teamkollegen Hansi Lochner (re.) den Doppelolympiasieg (Zweierbob und Viererbob).

Als Vizepräsident des Bob- & Schlittenverband für Deutschland e.V. (BSD) hatte Prof. Dr. Jochen Buck (Mitte) bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Cortina d'Ampezzo allen Grund zur Freude. Anschieber Georg Fleischhauer (li.) holte mit seinem Teamkollegen Hansi Lochner (re.) den Doppelolympiasieg (Zweierbob und Viererbob). 

Biomechanik: Wenn Blech auf Körper trifft

Sie kommen eigentlich aus der Unfallforschung und Biomechanik. Wie schlägt man die Brücke von einem modernen Crashtest zu einem Vorkriegs-Klassiker?
Prof. Dr. Jochen Buck: „Biomechanik ist die Schnittstelle zwischen Technik und Medizin. Wir können über die Analyse der Genese von Verletzungen interdisziplinär Unfälle rekonstruieren, können Prognosen abgebeben wie Verletzungen zu erwarten sind, je nachdem, wie eine Person im Fahrzeug beaufschlagt wurde (Stichwort Gurt). Wir haben beispielsweise in meinem Institut für Michael Manns Hollywood-Film „Ferrari“ den schweren Unfall von Marquis de Portago bei der Mille Miglia 1957 analysiert und als Real-Live Crash am Originalschauplatz für die Kinoleinwand nachgefahren. Wenn man solche Tragödien mit heutigen Methoden auswertet, bringt das faszinierende Erkenntnisse über die damaligen Risiken, aber auch in die Pionierleistungen der Konstrukteure. Man muss deshalb mit Demut an die Sache herangehen. Wenn Sie mit 200 km/h in einem über 50 Jahre alten 911 RS über die Autobahn fahren, müssen Sie wissen, dass moderne Sicherheitssysteme wie Knautschzonen oder Airbags fehlen, andererseits empfinden Sie ein Fahrerlebnis, welches mit nichts vergleichbar ist.“

Der Bob-Vergleich: High-Tech im Eiskanal

Sie sind Vizepräsident beim Bob- und Schlittenverband Deutschland (BSD). Gibt es Parallelen zwischen Materialprüfung im Bobsport und bei historischen Rennwagen?
Prof. Dr. Jochen Buck: „Das Bobfahren ist die Formel 1 des Wintersports. Ein olympischer Bob kostet ohne Kufen mindestens 100.000 Euro, ein Satz Kufen kann allein weitere 50.000 Euro kosten, wobei je Eiskanal unterschiedliche Kufen und Set-ups gefahren werden. Da geht es um Mikrometer und spezial gefertigte Kufen, somit Rennsport ohne Motor und im Eiskanal. Die Akribie, mit der wir diese Sportgeräte entwickeln und prüfen, um auch Regelkonformität sicherzustellen, ist die gleiche, die ich für meine Oldtimer-Gutachten anwende und die von meinem Verständnis her der Auftraggeber auch erwartet. Im Hochleistungssport lernt man: Es ist erst bei 100 Prozent Schluss. Diese Präzision ist für gerichtsfeste Gutachten zwingend erforderlich. Deshalb haben wir auch mit Herrn Prof. Dr. Loh den Hochschulcampus der Hochschule Nürtingen-Geislingen HfWU gegründet und bilden dort mit dem Certified Expert for Historic Cars und dem Master der Oldtimer-Forensik unsere Absolventen aus.“

Tipps für Sammler: Originalität vor Restauration

Was raten Sie jemandem, der sich seinen ersten Klassiker zulegen möchte, ohne ein forensisches Labor im Rücken zu haben?
Prof. Dr. Jochen Buck: „Seien Sie misstrauisch bei zu günstigen Angeboten. Wenn der Preis nicht marktüblich ist, hat der Wagen meist ein Problem. Suchen Sie nach Originalität. Ein Fahrzeug mit wenigen Vorbesitzern und „Matching Numbers“ ist eventuell wertvoller als ein perfekt überrestaurierter Blender. Eine Restauration ist wie eine Haussanierung – es wird meistens teurer als gedacht. Oft steckt man mehr Geld in die Restaurierung, als das Auto im Top-Zustand wert wäre. Mein Ziel ist immer: Ein Auto kaufen, das keinen Wartungsstau hat, damit der Spaß nicht durch Kostenrisiken einer Restauration verdorben wird.“

Können Sie den „Forensiker-Blick“ eigentlich jemals abschalten?
Prof. Dr. Jochen Buck: (lacht) „Wenn ich privat in meinem 911 RS über die Autobahn oder in meiner zweiten Heimat in Scharnitz in Tirol über die Berge fahre, dann genieße ich die Freiheit. Dann bin ich kein Forscher, sondern ein Autoliebhaber, der die Faszination Technik spürt. Aber sobald ich beruflich vor einem Auto stehe, schaltet mein Gehirn sofort in den Analyse-Modus. Da gibt es dann keine Kompromisse.“

Fotos: Prof. Dr. Jochen Buck privat 

Informationen zum Studiengang Certified Expert for Historic Cars an der Hochschule Nürtingen-Geislingen (HfWU) finden Sie hier und hier

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