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44 Jahre alter Mercedes 240D sauberer als moderner BMW X3

26. Juni 2020 Autor: Dorian Rätzke

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Von DORIAN RÄTZKE
Saubermann oder alter Stinker? Der Mercedes W123-Club hat die Schadstoffemissionen eines alten Mercedes 240 D (Baujahr 1982) gemessen. Heraus kamen Ergebnisse, die wirklich überraschen ... 
Wenn es um die Umweltbilanz von Klassikern geht, argumentieren die Gegner vor allem damit, dass Oldtimer keine modernen Abgasreinigungen (Katalysatoren) besitzen, zu viel verbrauchen und deswegen die Luft stärker mit Schadstoffen belasten würden als moderne Pkw. 
Dabei machte schon die 2017 erschienene Oldtimer-Studie („Emissionen von 30 Jahre alten Fahrzeugen“) der Bundesanstalt für Straßenwesen deutlich, dass es in der Regel nicht so ist. Zitat: „Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass der Emissionsbeitrag der Fahrzeuge älter 30 Jahren in der Gesamtheit, auch für die späteren Bezugsjahre mit entsprechend höherem Fahrzeugbestand, in Summe pro Abgaskomponente jeweils nur einen einstelligen prozentualen Anteil ausmacht.“
Zurück zum Schadstofftest beim 240D. Das Testfahrzeug war ein 240D, der meistverkaufte Typ der Baureihe W123. Hohe Laufleistungen sind hier nicht selten. Der Wagen auf dem Prüfstand ist Baujahr 1982 und hat zum Messzeitpunkt 343.000 km auf dem Tacho. 
Sein Motor: Vierzylinder mit 2399 cm³ Hubraum, Vorkammereinspritzung mit Bosch-Diesel-Einspritzpumpe. Die Leistung: 72 PS, 137 Nm max. Drehmoment bei 2400 U/min. 

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Im Emmissionslabor des TÜV Süd in Heimsheim bei Stuttgart: Das Testfahrzeug 240 D wurde nicht gestartet, sondern mit Stringos (elektrisch betriebene Rangierhilfen) rangiert

Im Emissionslabor des TÜV Süd in Heimsheim bei Stuttgart: Das Testfahrzeug 240 D wurde nicht gestartet, sondern mit Stringos (elektrisch betriebene Rangierhilfen) bewegt

Der Mercedes 240 D schlägt Audi und VW

Aber wie kam es zu den überraschenden Ergebnissen? Zunächst wurde der Mercedes 240D im WLTC-Zyklus auf der Abgasrolle vermessen. 
WLTC bedeutet „Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Cycle Test“. Das daraus abgeleitete Messverfahren heißt „Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure“ (WLTP). 
Der Verband der Autoindustrie (VdA) erklärt hierzu: „Der Kraftstoffverbrauch eines Autos wird wesentlich durch die Fahrwiderstände bestimmt, also durch Masse, Luftwiderstand und Rollwiderstand. Die ab September 2017 für die Typzulassung in Europa gültige neue Testprozedur „Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure“ (WLTP) berücksichtigt diese physikalisch bedingten Fahrwiderstände umfassender als der bislang verwendete NEFZ und ist dadurch deutlich repräsentativer.“ 
Darüber hinaus wurden im Rahmen von Straßenmessungen die Emissionen des Mercedes 240D im realen Fahrbetrieb ermittelt (sog. Pems-Messungen, Pems engl. für Portable Emission Measurement System).

240 D schlägt Audi und VW

Ergebnis: Obwohl der 240D keine moderne Abgasreinigung hat, stößt er weniger Emissionen aus als aktuelle Fahrzeuge. Die absolute Tabelle zeigt sogar, dass der alte Mercedes sauberer als ein moderner BMW X3 xDrive 2.0D ist, aber auch beliebte SUVs wie den Audi Q3 2.0 TDI oder Busse wie der VW T5 California 2.0 TDI hatten das Nachsehen in Sachen NOx-Emissionen. 
Stickoxid NOx ist die Summe aus Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2).

Warum ist die Messung von NOx so wichtig?

Wissenschaftler vom Institut für Umweltphysik der Uni Heidelberg in ihrer Studie „Stationäre & mobile NO2-Messungen in Stuttgart“ (2016): „Neben Feinstaub und Ozon (O3) hat vor allem Stickstoffdioxid (NO2) einen negativen Einfluss auf die Luftqualität und ist mittlerweile Schadstoff Nummer Eins in Deutschland. Stickstoffdioxid verursacht in zu hoher Konzentration Entzündungen der Atemwege. Bei Kindern mit Asthma werden die Symptome von Bronchitis verschlimmert und das Lungenfunktionswachstum verringert. Außerdem wird es in Zusammenhang mit Herz-Kreislauferkrankungen gebracht. Es verursacht zudem sauren Regen, katalysiert Ozon (ebenfalls ein Schadstoff) und erzeugt indirekt Partikel. 
Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt daher zum Schutz von Mensch und Natur für die Stickstoffdioxidkonzentration einen Jahresmittelwert von 40 μg/m3 sowie einen Stundenmittelwert von max. 200 μg/m3 als Grenzwert. Europaweit wurde mit der Richtlinie 2008/50/EG für Stickstoffdioxid der 1-Stunden-Grenzwert von 200 μg/m3 festgelegt, der nicht öfter als 18-mal im Kalenderjahr überschritten werden darf. Der Jahresmittelgrenzwert des Stickstoffdioxids wurde dabei im Jahr 2014 an über 50 % aller verkehrsnahen Messstationen in Deutschland überschritten. Stickstoffmonoxid (NO) hat vergleichsweise zu NO2 geringe Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und ist daher nicht reglementiert. Stickstoffdioxid wird hauptsächlich bei Verbrennungsprozessen von Kraftfahrzeugen erzeugt.“

Abgastest mit laufendem Motor am Ebnisee im Schwäbischen Wald. Zur Erfüllung der Testkriterien ist auch eine Mindestzeit im Leerlauf einzuhalten. Die Firma AKKA in Fellbach stellte PEMS-Systeme (Portable Emission Measurement System,
mobiles Emissionsmesssystem) zur Verfügung.

Abgastest mit laufendem Motor am Ebnisee im Schwäbischen Wald. Zur Erfüllung der Testkriterien ist auch eine Mindestzeit im Leerlauf einzuhalten. Die Firma AKKA in Fellbach stellte PEMS-Systeme (Portable Emission Measurement System,
mobiles Emissionsmesssystem) zur Verfügung.  

Im Fahrbetrieb noch sauberer

Bei den Emissionstests des W123-Clubs kristallisierte sich auch heraus, dass der 44 Jahre alte 240 D im Fahrbetrieb sogar noch sauberer war als auf der Abgasrolle. 
Der W123-Club fasst zusammen: „Gerade mal im Schnitt 805 mg/km NOx emittiert der 240D auf der Straße, wohlgemerkt bei Temperaturen unter 8°C. Den Grenzwert für CO unterbietet der 240D auf EURO 3-Niveau und verfehlt mit seinem Nachrüstkat die aktuelle EURO 6-Grenze von 500mg/km um nur 20%. Die HC-Emissionen von max. 71 mg/km wären sogar EURO6-fähig. Hier böte der Summengrenzwert von 170 mg/km für HC+NOx sogar Spielraum für bis zu 90 mg/km HC! Einen HC-Einzelgrenzwert gibt es für Diesel-PKW nicht, nur die Grenze von 80 mg/km für NOx ist festgeschrieben.“

Warum wurden die Messungen gemacht?

Der W123-Club dazu: „Ziel ist es, die Mitglieder und die Szene zu informieren, einen Beitrag zur Versachlichung von öffentlichen Diskussionen zu leisten und auch schlicht zu wissen, welche Emissionen unsere Fahrzeuge im Betrieb verursachen und diese in den Gesamtkontext einzuordnen.“
Fazit: Alt ist der W123 schon, aber damit noch lange kein Stinker…

Wir bedanken uns beim Mercedes W123-Club für die fachkundige Beratung und Unterstützung bei diesem Artikel. 
Mehr Informationen zum Club gibt es hier. 
Alle Fotos: Mercedes-Benz W123-Club e.V

Update: Dieser Artikel erschien erstmals im Juni 2020 im OCC-Magazin und wurde im April 2026 aktualisiert. 

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