Skateboard-Pionier Titus Dittmann: „Ein altes Auto fährt man nicht aus Vernunft!“
29. Oktober 2026 Autor: Dorian Rätzke
Er ist Ikone in der Skateboarding Hall of Fame: Ende der 70er-Jahre entdeckte Titus Dittmann das Rollbrett für sich und machte daraus erst eine Leidenschaft, dann ein Lebenswerk. Dabei begann seine Karriere nicht im Business, sondern im Klassenzimmer: Der studierte Sport- und Geografielehrer gründete mit seinen Schülern eine Skateboard-AG und machte schon 1978 Skateboarding zum Thema seines zweiten Staatsexamens. Später wurde Dittmann zum erfolgreichen Unternehmer, heute engagiert er sich mit skate-aid für Kinder und Jugendliche weltweit. Doch sein Herz schlägt nicht nur für vier kleine Rollen, sondern auch für vier Räder. Rund 100 Autos begleiteten den heute 78-Jährigen durchs Leben: mit der Ente durch die Sahara, mit dem Citroën HY zum ZDF-Sportstudio mit Günther Jauch, später mit Ford Mustang und Dodge Viper auf die Rennstrecke. Im Interview mit dem OCC-Magazin erzählt Dittmann von Bananen im Getriebe, einem selbst gebauten „Dittmann“ und erklärt, warum für ihn bei alten Autos gilt: „Perfektion ist langweilig.“
Selbst ist der Schrauber: Titus Dittmann beim Umbau seines elektrischen Citroën Ami zum „Baby-HY“. Die Skateboard-Legende aus Münster hat ein Faible für extravagante Autos aus Frankreich.
„Gegen den Strom schwimmen konnte ich schon immer gut“
Herr Dittmann, wenn Sie heute Ihren alten Citroën HY sehen: Welche Szene aus den Anfangsjahren von TITUS schießt Ihnen als Erstes durch den Kopf?
Titus Dittmann: „Da laufen gleich mehrere Filme auf einmal ab. Am stärksten sind die Fahrten mit dem „Titus Skates Showteam“: vorne der HY, vollgepackt mit Boards, hinten dran der Anhänger mit unserer transportablen Halfpipe. 45 PS für das ganze Gespann, da hatte man unterwegs viel Zeit. Ganz besonders hängen geblieben ist die Fahrt zum Aktuellen Sportstudio vom ZDF in den 80er-Jahren mit Günther Jauch. Die hat unser aller Leben verändert. Es gab damals nur eine Handvoll Programme, und das Sportstudio haben Millionen geguckt. Skateboarden in der Halfpipe war noch eine völlig neue Sensation, und wir waren von einem Tag auf den anderen plötzlich Stars.“
Sie haben Generationen junger Menschen beigebracht, auf die Nase zu fallen und wieder aufzustehen. Hat Ihnen ein alter Citroën vielleicht mehr über Gelassenheit beigebracht als jedes Unternehmerseminar?
„Ganz sicher. Die Schule der Gelassenheit fing schon vor dem HY an, 1971 mit meiner ersten Ente. Als Student hatte ich kein Geld für die Sportwagen, von denen damals jeder Junge träumte. 1968 war ich sogar wochenlang unsterblich in den neuen Ford Capri verliebt. Dann wurde mir klar: Mit dem Capri bleibe ich immer ein kleines Licht hinter Porsche und Jaguar, mit der Ente bin ich konkurrenzlos. Gegen den Strom schwimmen konnte ich schon immer gut, und die Ente war dafür das perfekte Ausdrucksmittel.
Nach dem ersten Urlaub mit Brigitta war klar: Eine Kastenente muss her und wird zum Mini-Wohnmobil umgebaut, mit Außendusche, riesigem Dachgepäckträger und allem, was man für die Sahara braucht. Auf der deutschen Autobahn hieß das dann: Windschatten fahren. Mit 18 PS lief sie allein gerade mal 80, hinter einem Lkw immerhin 100. Das schult die Gelassenheit, und es macht Spaß. Im zäh fließenden Verkehr habe ich die Fahrer der schnellen Autos mit ihren hochroten Köpfen ehrlich bedauert, während ich in meiner Ente gegrinst habe. Und wer einmal mitten in der Sahara mit gebrochener Federung festsaß und von einem Beduinen auf dem Kamel die passende Schraube aus der Satteltasche bekommen hat, den bringt so schnell nichts mehr aus der Ruhe.“
Viele Unternehmer erinnern sich an Menschen, die sie beim Aufbau ihrer Firma unterstützt haben. Würden Sie sagen, dass Ihr HY zu den wichtigsten „Mitgründern“ von TITUS gehörte?
„Natürlich sind beim Aufbau einer Firma erst mal die Menschen wichtiger, allen voran meine Frau Brigitta. Die hat schon zu meiner Zeit als Entenschrauber neben ihrem Studium unsere „Telefonzentrale“ gemanagt. Aber gleich danach kommt mit großem Abstand der HY: treuester Begleiter, Spaßbringer und Motivator. Er hat unseren Skateboardverkauf, der 1978 in unserer Sozialwohnung angefangen hat, mobil gemacht, vor der Mensa und überall dort, wo die Kids sich trafen.
Eigentlich war der HY ja als rollender Marktstand für französische Fisch- und Wursthändler gedacht. Bei uns gab es daraus eben Skateboards. Also ja, ein Mitgründer war er auf jeden Fall. Einer, der nie Gehalt wollte, nur Benzin.“
Der erste Auftritt von Titus Skate Crew im Aktuellen Sportstudio des ZDF Anfang der 80er Jahre, damals moderierte Doris Papperitz die Sendung. Ende der 80er war Titus noch einmal im Sportstudio zu Gast, als Günther Jauch die Sendung übernahm.
„Der HY knurrt, rappelt und dröhnt. Aber er ist ehrlich.“
Das Skateboard steht für Freiheit, Improvisation und Eigenständigkeit. Der Citroën HY galt nie als Statussymbol, sondern als sympathischer Außenseiter. Hat genau das Sie damals an diesem Auto fasziniert? Was unterscheidet generell Citroën von anderen Autoherstellern?
„Genau das. Der HY ist so konsequent und unverschämt hässlich, dass er schon wieder schön ist. Wellblech rundherum, frei stehende Scheinwerfer, keine Servolenkung und eine Schnauze wie aus einem anderen Erdzeitalter. Er hat denselben Clochard-Charme wie die Kastenente und schert sich nicht um Geschmack, aber um einfache geniale Technik, perfekt zum Selbstschrauben.
Was Citroën von anderen unterscheidet? Mut und Genialität im Einfachen. Die Ente wurde für französische Bauern gebaut und sollte vom Dorfschmied repariert werden können. Alles funktioniert nach dem Baukastenprinzip, man kann sie nach Lust und Laune umbauen. Ich habe aus Teilen von vier verschiedenen Citroën-Modellen sogar ein eigenes Auto zusammengeschraubt.
Und gleichzeitig hat Citroën mit der DS eine „Göttin“ auf die Straße gestellt, die ihrer Zeit weit voraus war. Bei Citroën darf ein Auto eine Persönlichkeit haben. Bei mir kam noch die Liebe zu Frankreich dazu: Der Westerwald war französische Besatzungszone, unser Familienauto fuhr noch mit FR-Kennzeichen (FR = Französisches Rheinland), und in der Schule hatte ich Französisch statt Englisch."
Sie haben Ihren ursprünglichen HY zurückgekauft. Warum macht man so etwas? Ist das Nostalgie, Sammelleidenschaft oder das Bedürfnis, ein Stück des eigenen Lebens wieder bei sich zu haben?
„Von allem ein bisschen, aber vor allem das Letzte. Ich bin kein Sammler und kein Fetischist, ich will mit Autos Spaß haben und etwas erleben. Mit dem HY habe ich so viel erlebt, dass er ein Stück meines Lebens ist.
Für mich war die Entenzeit eigentlich erst vorbei, als ich den HY Ende der 80er-Jahre verkauft habe. Zum Glück haben es auch die vielen Nachbesitzer nicht übers Herz gebracht, ihn zu verschrotten. Jetzt steht er wieder bei mir auf dem Hof. Und wenn ich einsteige, riecht er wie früher nach Öl, Benzin, Blech, Gummi und Holz. Mit einem Atemzug hat man da seine ganze Lebensgeschichte in der Nase: die Schrauberzeit, die Showtouren, die Anfänge von TITUS.“
Der HY ist kantig, laut, langsam, sieht skurril aus und ist weit entfernt von heutiger Automobilperfektion. Glauben Sie, dass Menschen gerade deshalb solche Fahrzeuge lieben?
„Ja, absolut. Ich bin mit den Autos der 50er- und 60er-Jahre groß geworden, und damals hatte jedes Auto eine Persönlichkeit. Seit der Windkanal regiert, sehen die Autos alle gleich aus und lassen mich weitgehend kalt.
Der HY dagegen knurrt, rappelt und dröhnt, feine Manieren hatte er nie. Aber er ist ehrlich. Er riecht nach Maschine, man hört jeden Arbeitstakt und spürt jede Bodenwelle. Perfektion ist langweilig. Ecken und Kanten machen etwas liebenswert, bei Autos genauso wie bei Menschen. Das weiß jeder Skateboarder.“
Ein Citroën HY mit Dachgeschoss: Die aufgesetzte halbe Kastenente diente Titus Dittmann als zusätzlicher Stauraum – und Sohn Julius im Urlaub als eigenes kleines „Appartement“.
Rund hundert Autos - und fast jedes war eine Liebesaffäre
Wenn Sie Ihre Karriere als Unternehmer mit einem Fahrzeug beschreiben müssten: Welches Auto wäre Titus Dittmann und warum?
„Ganz klar: ein „Dittmann“. Den gab es wirklich. 1975 habe ich mir einen Citroën Ami Super mit Unfallschaden vom Schrottplatz geholt und ihn aus Teilen von vier verschiedenen Citroën-Modellen wieder aufgebaut. Weil Brigitta keine Rechtslenkung wollte, habe ich die komplette Lenkung auf die linke Seite verlegt und mir für die Knüppelschaltung ein eigenes Gestänge gebastelt. Danach lag der erste Gang spiegelverkehrt rechts vorne. Der Mann vom TÜV war begeistert, wusste aber nicht, was er als Modell eintragen sollte. Also stand im Fahrzeugbrief als Hersteller: „Dittmann“.
Das passt zu meiner Karriere: aus vorhandenen Teilen etwas Neues bauen, sich nicht ans Handbuch halten, eigene Lösungen finden, und manches läuft eben spiegelverkehrt zu dem, was alle anderen machen.
Eine Lehre gab es auch: Ein paar Monate später bin ich damit aufgefahren, weil ich im Rückspiegel einem 11CV hinterhergeguckt habe. Seitdem weiß ich: nach vorne schauen.“
Welche Fahrzeuge haben Sie im Laufe Ihres Lebens besonders geprägt und welche stehen heute noch in Ihrer Garage?
„Rund hundert Autos waren es in meinem Leben, und fast jedes war eine Liebesaffäre. Geprägt haben mich schon die Fahrzeuge meines Vaters, vom DKW bis zum Lloyd, über den man damals spottete: „Was steht am Berg und heult?“ Dann das Borgward Isabella Coupé, das 1959 beim Händler in Kirchen stand. Meine erste große Liebe und mein erster Liebeskummer, weil mein Vater am Ende doch einen braven NSU-Fiat Neckar kaufte.
Mein erstes eigenes Auto war ein NSU-Fiat Jagst, bezahlt mit 600 Mark aus einem Ferienjob in einer Matratzenfabrik. Dann die Enten, mit denen ich durch Finnland, Griechenland und zweimal durch die Sahara gefahren bin, und natürlich der HY. Später kamen ganz andere Kaliber dazu: ein Citroën Chapron DS Cabrio, Cadillac, Corvette, Citroën SM, Mehari, und schließlich die Rennstrecke, erst historisch mit Ford Mustang und später 24H Rennen Nürburgring mit Dodge Viper.“
Westsahara 1973: Mit der zur Reise-Ente umgebauten Kastenente durchquerte Titus Dittmann die Sahara – Dachgepäckträger und Zusatzscheinwerfer inklusive.
„Ein Auto ist mehr als die Summe seiner Teile.“
Der neue elektrische „Type Ami“ erinnert optisch an Ihren HY. Welche Gefühle löst er tatsächlich aus? Ist das eher ein moderner Nachfolger oder eine charmante Erinnerung an eine andere Zeit? Und wie kam es zu dieser Zusammenarbeit beziehungsweise Entwicklung?
„Erst mal Freude. Der Ami sieht aus wie ein kleiner Enkel vom HY, und genauso fühlt er sich auch an. Für mich ist er beides: eine charmante Erinnerung und ein modernes Stadtauto, das auch Jugendliche mit Mopedführerschein fahren dürfen. Klein, einfach, ein bisschen schräg, ein Auto, über das die Leute erst lachen und dann lächeln. Genau wie damals bei Ente und HY.
Citroën Deutschland hat mir den Umbausatz zur Verfügung gestellt, den AMI der Citroën Händler Lütke Uphues in Münster und den Umbau habe ich in mehreren Wochen selbst gemacht. Da war er wieder, der Schrauber von damals.“
In Interviews sagen Sie oft, dass Skateboarding nie als Business-Idee begann, sondern aus Leidenschaft entstanden ist. Glauben Sie, dass Oldtimer-Fans ähnlich ticken, weil sie ihre Fahrzeuge eher aus Emotion als aus Vernunft besitzen?
„Ja, da bin ich sicher. Auch mein allererstes Geschäft ist nicht entstanden, weil ich Unternehmer werden wollte. Als Student habe ich an meiner Ente die Bremsen selbst gemacht und an der Uni ein bisschen damit angegeben. Plötzlich standen die Entenfahrer bei mir Schlange, die Mensa war mein Marketing und Brigitta die Telefonzentrale. So wurde ich ganz aus Versehen zum Entenschrauber von Münster.
Beim Skateboarden war es genauso. Oldtimer-Fans ticken ähnlich: Ein altes Auto fährt man nicht aus Vernunft, sondern aus Leidenschaft. Ein Auto ist mehr als die Summe seiner Teile. Was einen mit ihm verbindet, sind die Geschichten und Abenteuer, die man zusammen erlebt hat. Das kann kein Neuwagen ersetzen.“
Alt trifft neu: Links Titus Dittmanns benzinbetriebener Citroën HY von 1978 mit 45 PS, rechts sein elektrischer „Baby-HY“ – ein Citroën Ami mit Caselani-Umbau und 6 kW (8 PS) starkem Elektromotor (Spitze 45 km/h), gestaltet nach dem historischen Vorbild.
„Der 30-jährige Titus würde sofort wieder den HY kaufen.“
Was war die verrückteste Panne, die Sie jemals mit dem HY erlebt haben?
„Die verrückteste Panne war 1982, als sich der Anschluss der Tachowelle am Getriebe verabschiedete und wir keine Möglichkeit hatten, das Loch zu stopfen, aus dem das gesamte Getriebeöl ausgelaufen ist.
Für den Weg zur nächsten Citroënwerkstatt haben wir es mit Bananenschmierung geschafft. Die Fußbodenbleche zwischen den Sitzen lassen sich schnell lösen, der Getriebedeckel war schnell abgeschraubt, sodass wir Banane für Banane beim Fahren in die drehenden Zahnräder zur Schmierung stopfen konnten und unser Ziel erreicht haben.“
Würde der 30-jährige Titus Dittmann lieber einen neuen Elektro-Ami fahren oder sofort wieder den alten HY aus Belgien kaufen?
„Mit 30 habe ich genau das gemacht: 1978 sind Brigitta und ich mit dem Zug nach Eupen in Belgien gefahren, ihre Umhängetasche voller Bargeld, und haben gleich drei nagelneue HY gekauft, einen für uns und zwei für Freunde aus dem Entenclub.
Der 30-jährige Titus würde also sofort wieder den HY kaufen. Aber ich kenne ihn: Den Elektro-Ami würde er sich trotzdem holen, um ihn auseinanderzunehmen und umzubauen. Der 77-jährige Titus macht es heute genauso: den HY hat er zurückgekauft und den Ami selbst umgebaut.“
Fotos: Titus Dittmann | René Golz
Mehr Infos zur Hilfsorganisation skate-aid-international e.V. finden Sie hier.
Skateboard-Pionier, Unternehmer und Social Entrepreneur: Titus Dittmann prägte mit TITUS die deutsche Skateboard-Szene. Für sein unternehmerisches und gesellschaftliches Engagement erhielt er unter anderem den Deutschen Gründerpreis und 2021 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Mit seiner Initiative skate-aid setzt er sich weltweit für Kinder und Jugendliche ein.
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