Die Retrowelle: Warum die Autoindustrie ihre Zukunft im Rückspiegel sucht
21. Oktober 2026 Autor: Dorian Rätzke
Auf dem diesjährigen Pariser Autosalon gab es für viele Besucher ein Déjà-vu. Plötzlich standen dort Namen, die viele längst in der Automobilgeschichte vermutet hatten: Citroën 2CV, Peugeot T16 oder Fiat Multipla. Auch Renault 5, Ford Capri und Opel Frontera feiern derzeit ihre Rückkehr.
Ausgerechnet in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche durch Elektromobilität und Digitalisierung scheint die Autoindustrie ihre Zukunft im Rückspiegel zu suchen.
Bekannte Modellnamen und historische Vorbilder sollen neuen Fahrzeugen Profil und Wiedererkennungswert verleihen. Doch warum greifen die Hersteller gerade jetzt auf ihre eigene Geschichte zurück? Und wie viel Original steckt überhaupt noch in den modernen Neuinterpretationen?
Darüber haben wir unter anderem mit Univ.-Prof. Dr.-Ing. Ralph Mayer (Lehrstuhl für Fahrzeugsystemdesign an der TU Chemnitz) gesprochen.
Die Citroën-Evolution der Ente
Citroën 2CV
Aus der Not der Nachkriegszeit geboren, wurde die Ente zum Symbol einfacher Mobilität für Millionen Menschen. Aus dem einstigen Sparmobil ist längst ein gesuchter Klassiker geworden.
Citroën 2CV Concept
Fast 80 Jahre später greift Citroën die Idee des Originals wieder auf und übersetzt sie in eine elektrische Zukunft.
"Automobilgeschichte ist längst mehr als Technikgeschichte"
Herr Prof. Dr. Mayer, auf dem Pariser Autosalon erleben wir die Rückkehr von Modellnamen wie 2CV, T16 oder Multipla. Ist das vor allem Marketing oder steckt dahinter tatsächlich der Versuch, historische Fahrzeugkonzepte in die Gegenwart zu übertragen?
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Ralph Mayer: „Die Beispiele aus Paris zeigen, dass Hersteller dabei ganz unterschiedliche Wege gehen. Beim Multipla nutzt Fiat vor allem die starke und bis heute polarisierende Wirkung des Modellnamens. Beim Citroën 2CV oder dem Renault E-Space Concept finden sich dagegen klare Bezüge zu Design und Fahrzeugkonzept der historischen Vorbilder.
Natürlich ist das auch ein Marketinginstrument. Es spricht insbesondere Menschen an, die diese Fahrzeuge aus eigener Erfahrung kennen. Gleichzeitig zeigt es aber, wie stark bestimmte Modelle bis heute im kollektiven Gedächtnis verankert sind.“
Viele neue Retro-Modelle übernehmen Namen und Designelemente ihrer Vorbilder, technisch haben sie mit diesen jedoch oft wenig gemeinsam. Woran würden Sie festmachen, ob eine Neuinterpretation ihrem historischen Original gerecht wird?
„Die Fahrzeuge können schon aufgrund der heutigen gesetzlichen Vorgaben keine Kopien ihrer Vorbilder sein. Sicherheitsanforderungen, Homologationsvorschriften und neue Antriebstechnologien erzwingen andere technische Lösungen.
Entscheidend ist deshalb weniger die Technik als die Glaubwürdigkeit des Gesamtpakets. Wenn Form, Modellname und Fahrzeugkonzept stimmig zum historischen Vorbild passen, kann man von einer authentischen Neuinterpretation sprechen.“
Warum erlebt diese Retrowelle gerade jetzt ihren Höhepunkt?
„Der Zeitpunkt scheint gut gewählt. Hersteller mit einer langen und erfolgreichen Geschichte können auf einen Schatz zurückgreifen, den neue Marken nicht besitzen: historische Identität.
Automobilgeschichte ist längst mehr als Technikgeschichte. Sie kann Markenbindungen über Modell- und Familiengenerationen hinwegschaffen. Genau darin liegt heute ihr Wert.
Davon können junge Hersteller erst in einigen Jahrzehnten profitieren, vorausgesetzt, sie sind dann überhaupt noch am Markt.“
Vom Ur-Capri ist nicht mehr viel zu sehen
Ford Capri (1969)
So kennen ihn Fans: zweitürig, sportlich, kompromisslos als Coupé gedacht.
Ford Capri Electric (2026)
Ford nennt ihn wieder Capri. Kritiker sehen darin eher ein elektrisches SUV mit historischem Namensschild. Die Diskussion zeigt, wie emotional die aktuelle Retrowelle geführt wird.
Der Opel Frontera im Wandel
Opel Frontera A (1995)
Leiterrahmen, Allradantrieb und hohe Bodenfreiheit: Der erste Frontera war ein echter Geländewagen und gehörte zu den SUV-Pionieren in Deutschland.
Opel Frontera (2026):
Der neue Frontera übernimmt den bekannten Namen, interpretiert ihn aber neu. Statt Offroad-Abenteuern stehen Effizienz, Familiennutzen und Elektromobilität im Mittelpunkt.
Der Reiz der historischen Vorbilder ist stark
Auch bei OCC wird die Retrowelle diskutiert. Till Waitzinger, Chief Representation Officer bei OCC und Dozent im Zertifikatskurs CEHC (Certified Expert for Historic Cars) an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, beobachtet diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Die aktuelle Retrowelle sei keineswegs neu. Bereits Projekte wie der New Stratos, der Kimera Evo 37 oder der Totem GT Super hätten gezeigt, wie stark der Reiz historischer Vorbilder bis heute ist.
Gleichzeitig sieht er die Entwicklung kritisch: „In den 1960er- und 1970er-Jahren haben brillante Designer zeitlose Automobile geschaffen, die auch Jahrzehnte später noch faszinieren. Wenn heutige Hersteller verstärkt auf etablierte Formen und Namen zurückgreifen, entsteht bei mir manchmal der Eindruck, dass nichts Neues entsteht und stattdessen das Alte kopiert wird. Oft werden die Fahrzeuge dabei sogar größer, breiter und schwerer als ihre Vorbilder.“
Viele der aktuellen Neuinterpretationen seien aber durchaus attraktiv gestaltet, nutzten moderne Materialien und träfen mit ihren elektrischen Antrieben den Zeitgeist. Till Waitzingers Fazit fällt deshalb differenziert aus: „Am Ende entscheidet ohnehin der Kunde.“ Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft des Pariser Autosalons 2026. Die Zukunft des Automobils entsteht nicht allein aus Batterien, Software und künstlicher Intelligenz.
Sie lebt auch von Geschichten, die Menschen mit einer Marke verbinden. Oder anders gesagt: Technik schafft Fortschritt. Emotionen entstehen oft woanders. Nämlich dort, wo Erinnerungen beginnen. Und manchmal eben im Rückspiegel …
Fotos: Stellantis | Bruno von Rotz / zwischengas.com | Ford | Titelbild KI-generiert | OCC Assekuradeur
Skurril: der Fiat Multipla gestern und heute
Fiat Multipla (1998)
Kaum ein Auto polarisierte stärker. Hinter der ungewöhnlichen Front verbarg sich jedoch eines der cleversten Raumkonzepte seiner Zeit: sechs Sitzplätze auf weniger als vier Metern Länge.
Fiat Multiplay Concept (2026)
Statt die umstrittene Form zu kopieren, greift Fiat die Idee des Originals auf. Die Studie setzt erneut auf maximale Variabilität, sechs Sitzplätze und ungewöhnliche Nutzungskonzepte.
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