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Diagnose: Oldtimer-Virus – Wenn Leidenschaft unheilbar wird

17. Juni 2026 Autor: Dorian Rätzke

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Er operiert am menschlichen Gehirn, einer der komplexesten Strukturen überhaupt. Doch wenn Prof. Dr. Thomas Kapapa das Universitätsklinikum Ulm nach Feierabend verlässt, tauscht der renommierte Neurochirurg den Hightech-OP gegen klassische britische Automobilkunst in der Werkstatt. Trotz einer Beinschwäche von Geburt an schraubt und fährt der Leitende Oberarzt leidenschaftlich gern Oldtimer – dank maßgeschneiderter, rein mechanischer Umbauten. Ein Gespräch über die Ästhetik des analogen Fahrens, das emotionale Erbe seines Vaters und die tiefe Überzeugung, dass es für jede Barriere im Leben eine technische Lösung gibt.

Prof. Dr. Thomas Kapapa am Steuer seines Jensen Interceptor III. Das Cabrio wurde von Spezialisten umgebaut, damit der Neurochirurg es per Handbedienung beschleunigen und bremsen kann.

Prof. Dr. Thomas Kapapa am Steuer seines Jensen Interceptor III. Das Cabrio wurde von Spezialisten umgebaut, damit der Neurochirurg es per Handbedienung beschleunigen und bremsen kann. 

Von chirurgischer Präzision und Schrauber-Realität

OCC-Magazin: Herr Prof. Dr. Kapapa, Sie operieren am menschlichen Gehirn. Finden Sie beim Schrauben an mechanischen Oldtimern einen ähnlichen Fokus oder ist das für Sie der bewusste Gegenpol zur klinischen Präzision?
Prof. Dr. Thomas Kapapa: „Ich muss dazu sagen: Ich habe keine eigene Werkstatt. Ich teile mir eine Schrauberhalle mit zwei guten Freunden – der eine ist Zahnarzt, der andere ein ehemaliger Kfz-Werkstattmeister. Der Zahnarzt und ich verstehen uns insgeheim als seine Lehrlinge und wir lernen dort das Handwerk unter erfahrener Anleitung. 
Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Diese Parallele ist bei uns in der Werkstatt ein Dauerthema. Wenn ich im Motorraum hantiere, kommentiert das unser Meister gerne mal mit: „Mein Gott, Kapapa, wenn du in der Klinik so rumschraubst wie hier, möchte ich niemals dein Patient sein!“ Subjektiv bin ich natürlich der Meinung, dass mir die Feinmotorik aus meinem Beruf das eine oder andere in der Werkstatt erleichtert. Aber in den Augen des Profis liefere ich wohl nicht immer die gewünschte Qualität. 
Tatsächlich ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich es am Auto zu präzise machen möchte und auf den Millimeter achte, wo der Meister längst sagt, dass es auch mal gut sein muss. Das Entspannte am Auto ist aber: Wenn es mal nicht zu 100 Prozent perfekt ist, hängt davon nicht die absolute Gesundheit eines Menschen ab.“

Ein Jaguar XJS als emotionales Erbe

OCC-Magazin: Ihr Jaguar XJS gilt als absolutes Wunschprojekt in Erinnerung an Ihren Vater. Welche Rolle spielen Emotionen und Familiengeschichte für Sie beim Sammeln und Fahren von Oldtimern?
Prof. Dr. Thomas Kapapa: „Mein Vater war unglaublich autoaffin und hat Automobile geliebt. Wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, hätte er sicher selbst Oldtimer gesammelt. Ich bin als kleiner Junge mit dieser Leidenschaft großgeworden und habe sie von ihm geerbt. Mein Vater hat in seinem Leben immer Prioritäten gesetzt: Zuerst kamen die Familie, die Kinder und die Sicherheit. Dafür hat er Opfer gebracht und auf eigene Wünsche verzichtet – wie eben auf diesen Jaguar XJS, den er unheimlich gerne besessen hätte. Er sagte immer: Wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann leiste ich mir den. 
Leider ist er relativ kurz nach seinem Renteneintritt verstorben und konnte sich diesen Traum nicht mehr erfüllen. Dieser tief verwurzelte Wunsch, einmal einen XJS zu fahren, ist jedoch in mir geblieben. Ich glaube fest daran, dass man nach dem Tod nie ganz geht und ein Stück von uns hierbleibt. Wenn ich diesen Jaguar fahre, habe ich das Gefühl, mein Vater sitzt mit im Auto und wir fahren ein Stück weit zusammen. Es ist also eine sehr emotionale Familiengeschichte.“

„Unmöglich ist immer nur temporär“

OCC-Magazin: Für unsere Leser, die Ihre persönliche Geschichte vielleicht noch nicht kennen: Sie sind für das Autofahren auf Hilfsmittel angewiesen. Wie genau funktioniert der Umbau bei Ihren Klassikern?
Prof. Dr. Thomas Kapapa: „Ich habe seit meiner Geburt eine Schwäche in den Beinen und kann sie nicht wie ein Fußgänger einsetzen. Ich kann zwar kurz stehen oder minimale Strecken laufen, bin im Alltag aber auf den Rollstuhl angewiesen. Deshalb benötigt jedes Auto bei mir einen Umbau. Das Prinzip funktioniert über eine Handschaltung mit einem mechanischen Gestänge, das mit Gas und Bremse verbunden ist, vorausgesetzt, das Fahrzeug hat ein Automatikgetriebe.
Lange Zeit hieß es immer, alte Autos könne man nicht umbauen. Aber für mich ist „unmöglich“ immer nur temporär. Ich bin damals zu einer Spezialwerkstatt in der Nähe von Hannover gefahren. Der dortige ältere Werkstattmeister hat sich riesig gefreut. Er baut sonst fast nur moderne Fahrzeuge um, aber ein historisches Auto zu modifizieren, hat in ihm großen Enthusiasmus geweckt und ihn an seine eigenen Anfänge erinnert.
Als ich mich das erste Mal hineinsetzte und losfahren konnte, war das ein überwältigendes Gefühl. Ich hatte vorher schon moderne Autos mit Umbauten bewegt, aber das hier war durch die Verbindung zu meinem Vater pure Emotion. Bei gutem Wetter damit rauszufahren, erleichtert einfach die Seele.“

Bei einem Mercedeshändler entdeckt: das schicke Jensen Interceptor III-Cabrio mit gewaltigem 7,2 Liter-Chrysler V8. Nach einem Umbau kann Prof. Kapapa es ganz normal fahren - trotz Rollstuhl.

Bei einem Mercedeshändler entdeckt: das schicke Jensen Interceptor III-Cabrio mit gewaltigem 7,2 Liter-Chrysler V8. Nach einem Umbau kann Prof. Kapapa es ganz normal fahren – trotz Rollstuhl. 

Die Faszination des analogen Gestänges

OCC-Magazin: Wie anspruchsvoll ist diese Technik im Detail? Moderne Umbauten sind ja meist hochgradig elektronisch geregelt.
Prof. Dr. Thomas Kapapa: „Genau, moderne Handsteuerungen gehen heute stark in Richtung Hightech, Digitalisierung und Elektronik. Da steuert man Blinker oder das Radio direkt über die Handeinheit. Das wollte ich für meine Oldtimer ganz bewusst nicht. Ich wollte den originalen Charakter des Innenraums bewahren. Bei mir verbaut ist ein schlichtes Gestängesystem mit Federn. Ein Vorschieben des Hebels bewirkt eine Hebelwirkung auf die Bremse, und über einen Drehknauf am Ende des Hebels bediene ich das Gaspedal. Das ist optisch unauffällig und lässt sich sogar wegklappen. 
Der Einbau in einen Oldtimer ist allerdings Maßarbeit. Man muss den Sitz ausbauen, eine spezielle Metallplatte anfertigen, die exakt auf die Schraubenlöcher passt, und teilweise am Getriebetunnel Schweißarbeiten für die seitliche Führung durchführen. Wir hatten damals eine große Diskussion, weil das Gestänge eigentlich fest mit den Pedalen verschraubt werden sollte. Dafür hätte man Löcher in die Originalpedale bohren müssen. Das kam für mich als Originalitäts-Fan überhaupt nicht infrage. Wir haben am Ende eine clevere, zerstörungsfreie Klemmlösung gefunden, die absolut sicher hält. Man muss sich einfach ein bisschen Zeit lassen und reinkniffeln.“

V8-Kultur statt Hightech-Kosmos

OCC-Magazin: Neben dem Jaguar XJS besitzen Sie auch noch einen seltenen Jensen Interceptor III. Was fasziniert Sie an dieser alten Technik im Vergleich zu den hochmodernen Systemen in Ihrem Klinikalltag?
Prof. Dr. Thomas Kapapa: „Das sind zwei völlig unterschiedliche Welten. Die moderne Medizintechnik und die Robotik im OP sind so konzipiert, dass sie uns unauffällig, still und leise begleiten. Sobald man dort ein Gerät hört, wird man unruhig. 
Bei einem Oldtimer – erst recht bei einem alten V8 – ist es genau umgekehrt: Ich will den Motor hören! Ich will spüren, wie das Getriebe schaltet, und ich will wahrnehmen, wie das Auto mit mir arbeitet. Das analoge Reparieren erdet mich. Wenn ich am Jensen einen Fensterheber repariere, verstehe ich das mechanische System dahinter und kann es selbst lösen.
Den Jensen Interceptor III – übrigens ein seltener Linkslenker mit dem gewaltigen Chrysler-V8 –hat mein Zahnarztfreund per Zufall in Deutschland, in Günzburg beim Mercedeshändler entdeckt. Meine Frau, die mich damals überhaupt erst mit dem Oldtimer-Virus infiziert hat, sah meinen fragenden Blick und sagte nur schmunzelnd: „Du hast dich doch sowieso schon entschieden.“ Dieses Auto ist zwar eine ständige technische Herausforderung – der riesige 7,2-Liter-Motor wird extrem heiß und der linke Fensterheber beschäftigt uns schon länger –, aber man steigt dort mit einer gewissen Abenteuerlust ein. Wenn es draußen dunkel wird, wird es auch im Auto dunkel. Keine Bildschirme, keine Ablenkung. Der Fokus liegt zu 100 Prozent auf dem Fahren, und das entschleunigt mich ungemein.“

Trotz Handicap nicht auf Oldtimer verzichten

„Mein Rat ist, gezielt zu Werkstätten zu gehen, die auf Fahrhilfen spezialisiert sind, und das Gespräch zu suchen. Das ist für die Betriebe zwar kein Standardauftrag nach Schema F, aber viele Meister haben unglaublich Lust auf solche handwerklichen Herausforderungen. Solange ein Fahrzeug ein Automatikgetriebe hat, ist der Umbau heute absolut kein Argument mehr, auf einen Klassiker zu verzichten.“

Ein Appell an die Community

OCC-Magazin: Was würden Sie anderen Menschen mit körperlichen Einschränkungen raten, die sich vielleicht nicht an das Thema Oldtimer herantrauen?
Prof. Dr. Thomas Kapapa: „Mein oberster Grundsatz lautet: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Wer Oldtimer fährt, weiß ohnehin, dass man immer wieder unkonventionelle Lösungen finden muss. Mein Rat ist, gezielt zu Werkstätten zu gehen, die auf Fahrhilfen spezialisiert sind, und das Gespräch zu suchen. Das ist für die Betriebe zwar kein Standardauftrag nach Schema F, aber viele Meister haben unglaublich Lust auf solche handwerklichen Herausforderungen. Solange ein Fahrzeug ein Automatikgetriebe hat, ist der Umbau heute absolut kein Argument mehr, auf einen Klassiker zu verzichten.“

Diagnose „Oldtimer-Virus“ ist unheilbar

OCC-Magazin: Zum Abschluss die Frage an den Arzt: Wenn Sie eine Diagnose stellen müssten, warum ist der „Oldtimer-Virus“ so unheilbar?
Prof. Dr. Thomas Kapapa: „Ich vergleiche die Oldtimer-Leidenschaft gerne mit dem Hungergefühl. Der Hunger kommt immer wieder von ganz alleine. Man kann sich zwar mal eine Zeit lang „überfressen“, wenn man wie wir tagelang auf Alpentour war und danach froh ist, im modernen Alltagsauto zu sitzen. Aber nach ein paar Wochen flammt dieses Feuer, dieser Hunger nach dem Oldtimer-Gefühl, unweigerlich wieder auf. Man kann dieses Bedürfnis einfach nicht dauerhaft stillen. Es ist ein fester, wunderschöner Bestandteil meiner Lebensqualität.“

OCC-Magazin: Herr Prof. Kapapa, herzlichen Dank für das Gespräch.

Fotos: Prof. Dr. Thomas Kapapa / privat | Universitätsklinikum Ulm 

Blick in die umgebauten Innenraum des Jensen Interceptor III: ein schlichtes Gestängesystem mit Federn. Ein Vorschieben des Hebels bewirkt eine Hebelwirkung auf die Bremse und über einen Drehknauf am Ende des Hebels wird das Gaspedal bedient.

Blick in die umgebauten Innenraum des Jensen Interceptor III: ein schlichtes Gestängesystem mit Federn. Ein Vorschieben des Hebels bewirkt eine Hebelwirkung auf die Bremse und über einen Drehknauf am Ende des Hebels wird das Gaspedal bedient. 

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