Wieder auf Sendung! Rost-Wahnsinn um einen NDR-Rundfunkwagen von 1959
24. Juni 2026 Autor: Dorian Rätzke
„Hier ist der Norddeutsche Rundfunk, Studio Oldenburg …“ – wenn es in den frühen 1960er-Jahren in Norddeutschland so aus den Röhrenradios schnarrte, war bestimmt dieser Ford FK1000 im Einsatz! Die NDR-Rundfunkprofis nutzten damals den Transporter für den Einsatz als Übertragungswagen. Vollgestopft mit Technik wie Mischpult und Tonband sorgten die Ü-Wagen dafür, dass die Livesendungen wie Konzerte, Diskussionen oder Fußballspiele über den Äther in die heimischen Wohnzimmer gelangten. Ein seltener Ford FK1000, vollgepackt mit genau dieser Rundfunkgeschichte, stand über Jahrzehnte vergessen in einer dunklen Oldenburger Garage. Fast wäre er verschrottet worden. Sein größter Feind: der Rost, der ihn um ein Haar vernichtet hätte! Doch dann rettete ihn Peter Kunze (Titelfoto), ein leidenschaftlicher Schrauber aus Oldenburg. Es begann ein dreijähriges Restaurierungsdrama mit einem fernsehreifen Happy End. Heute rollt das mobile Stück Radiogeschichte wieder über deutsche Straßen – und hat sogar schon einen TV-Auftritt hinter sich.
Der Ü-Wagen wurde am 31. August 1959 zugelassen. Amtliches Kennzeichen: OL - CE 281. Nach dem Kauf rüstete der NDR den Wagen aufwendig um: Standheizung, großes Faltdachs, Trennwand mit Tisch und Bank, zusätzliche 12V-Lichtmaschine samt Extra-Batterie für die Rundfunkanlage.
Ein Geschenk mit Haken und 30 Jahre Tiefschlaf
Alles begann im Jahr 2012 mit einem unerwarteten Geschenk und einer klassischen Schrauber-Wette. Peter Kunze (gelernter Kfz-Mechaniker und ehemaliger Metallbauer bei Airbus) erhielt den seltenen Ford FK1000 von seinem Freund Hans Luckau – allerdings mit einer klaren Auflage: Er musste versprechen, den Wagen komplett zu restaurieren. Zuvor stand das Fahrzeug in den legendären Pekolhallen in Oldenburg, wo die berühmten Pekol-Busse gebaut wurden. Luckau hatte dort seine Oldtimersammlung untergebracht, die von Kunze technisch betreut wurde. Als die Hallen 2013 abgerissen und die Autos in alle Winde verstreut wurden, kam die Frage auf, ob Interesse an dem FK1000 bestünde. Peter Kunze, inzwischen wohlverdienter Rentner mit viel Zeit, zögerte nicht lang und sagte sofort: „Ok, wenn der Motor läuft, mache ich es!“
Das Triebwerk hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits 30 Jahre lang keinen Mucks mehr gemacht. Wie erweckt man so ein Aggregat im komatösen Tiefschlaf wieder zum Leben? Da hieß es erst einmal: Ärmel hochkrempeln. Nach dem Einsatz von jeder Menge Öl, viel Zeit, neuen Zündkerzen, einer vollen 6V-Batterie und etwas Mut war es schließlich so weit. Zuerst drehte Kunze den Motor mit der Hand durch. Es klappte, alles bewegte sich leicht. Auch der nächste Test, das Durchdrehenlassen mit der Batterie ohne Zündung, verlief positiv – alles lief frei. Doch als die Zündung eingeschaltet wurde, passierte das Erwartbare: Der Motor sprang nach drei Jahrzehnten Stillstand natürlich nicht an. Bei der Fehlersuche stellte sich heraus, dass kein Zündfunke da war. Nach dem Austausch von Zündspule und Kontakten folgte ein neuer Versuch. „Hurra, er läuft! Das war der Startschuss für einen echten, rostigen Wahnsinn“, erinnert sich Kunze an den erlösenden Moment.
Zehn Jahre im Dienst des NDR Oldenburg
Was diesen speziellen Ford FK1000 so einzigartig macht, ist seine lückenlose, interessante Historie. Der Wagen wurde genau am 31. August 1959 vom NDR Oldenburg angeschafft und zugelassen. Amtliches Kennzeichen: OL - CE 281. Nach dem Kauf rüstete der NDR den Wagen aufwendig um. Zu den massiven Modifikationen gehörten der Einbau einer Standheizung, eines großen Faltdachs, einer Trennwand mit Tisch und Bank sowie einer zusätzlichen 12V-Lichtmaschine samt Extra-Batterie für die Rundfunkanlage – denn das Auto selbst läuft auf 6V. Sogar die einflügelige Hecktür wurde in eine zweiflügelige umgebaut.
Der Radioalltag mit so einem Ü-Wagen in den 1960er-Jahren ist mit heutigen Standards kaum noch zu vergleichen. Wie lief so eine Liveübertragung damals überhaupt ab? Mangels moderner Funktechnik verblüffend analog: Der Ü-Wagen musste direkt an das Festnetz-Telefonnetz angeschlossen werden, um die Sendungen per Telefonleitung ins Funkhaus zu übertragen. Alle anderen Reportagen wurden vor Ort auf Band aufgezeichnet und später im Funkhaus abgespielt. Bis Juli 1969 blieb der Wagen beim NDR im Einsatz. Danach kaufte ihn die Oldenburger Firma Schlesinger, die damit bis 1981 Großveranstaltungen beschallte – vom Stadtfest über Sportevents bis hin zu den legendären Fußballspielen in der „Hölle des Nordens“ beim VfB Oldenburg in Donnerschwee. Danach verschwand er bis 1995 in einer Garage.
Grauen unter den Bodenplatten: Pfusch aus vergangenen Jahrzehnten
Nach der Bestandsaufnahme in der Werkstatt folgte jedoch das große Erwachen. Der Zustand der Karosserie war kritisch. Peter Kunze zum OCC-Magazin: „Das sah wirklich übel aus, sehr übel sogar!“ Wie es früher leider oft üblich war, wurden alte Autos bei Rostbefall für den TÜV einfach irgendwie unfachmännisch zusammengeflickt – Hauptsache, es waren keine sichtbaren Löcher mehr da. Als die alten Reparaturbleche und die Bodenplatten abgenommen wurden, kam das ganze Ausmaß der Katastrophe zum Vorschein. Peter Kunze: „Die gesamten Holme am Unterboden, Teile des Bodens, das Standheizungsgehäuse und sogar die Federaufnahmen in der Karosse waren komplett verrottet." Allein die schweren Blecharbeiten an den Holmen und am Fahrwerk dauerten fast ein Jahr und drei Monate, bis Karosseriebauer Karl für die feinen Außen- und Sickenbleche übernehmen konnte. Insgesamt flossen unglaubliche 13 Kubikmeter Blech in den Wagen.
Bei einer solchen detailverliebten Restaurierung stößt man oft auf kuriose Probleme. Und wo findet man die Rettung, wenn der passende Dachhimmel fehlt? Im eigenen Fuhrpark. Nach anderthalb Jahren war der Ford endlich frisch lackiert und stand beim Sattler, um das Faltdach und den Dachhimmel einzubauen. Es ließ sich jedoch einfach nicht der passende originale Wollstoff für den Himmel finden. Die Wende brachte ein total verrückter Zufall, als Kunze eine Runde mit seinem Goggomobil drehen wollte, nach oben an den Dachhimmel blickte und feststellte, dass dieser exakt den Wollstoff hatte, der so verzweifelt gesucht wurde. Der Sattler bestätigt den Fund umgehend. Glücklicherweise hatte der Goggo-Ersatzteilhändler den Stoff vorrätig und genau im richtigen Maß auf Lager. Nach zwei Jahren Arbeit war die Karosserie schließlich gerettet.
Technik-Puzzles und ein geniales Täuschungsmanöver
Während das Auto in den Werkstätten überarbeitet wurde, blieb auch Kunze nicht untätig. Der Außenbereich erstrahlte bald in neuem Glanz, aber im Heck fehlte noch das Herzstück: das historische Rundfunk-Equipment. Kunze reinigte die alte Trennwand, strich sie neu und setzte sie wieder ein. Auch der originale Einbautisch für die Geräte wurde komplett restauriert. Die noch vorhandenen alten Studiogeräte arbeitete er auf, andere wurden mühsam besorgt.
Beim legendären Maihak V45 Mischpult stieß der Sammler jedoch an seine Grenzen, da die Geräte in der Szene heute zu utopischen Preisen gehandelt werden. Wie löst man so ein Problem ohne astronomische Ausgaben? Mit Erfindergeist. „Also habe ich kurzerhand einen täuschend echten Dummy gebaut! Der Rundfunkwagen soll schließlich absolut original aussehen, funktionieren muss die Anlage heute ja nicht mehr.“ Für das originale Tonbandgerät Telefunken R64 besorgte er zudem eine AEG AW2. Diese ist optisch identisch, läuft aber im Gegensatz zur alten 12V-Rundfunkanlage unkomplizierter auf 220V.
Ohne Beanstandung durch den TÜV – und ab ins Fernsehen!
Nach drei Jahren schweißtreibender Arbeit, Hunderten Freizeitstunden und einem ordentlichen Loch in der Geldbörse folgte schließlich der Moment der Wahrheit bei der DEKRA. Die Aufregung war unbegründet, denn die Abnahme verlief reibungslos. Das Auto kam ohne jede Beanstandung durch und konnte direkt zugelassen werden. Um diesen Meilenstein zu feiern, hatte Kunze den Tacho vorab komplett überholt und symbolisch auf 0 Kilometer zurückgestellt.
Seit der Fertigstellung im Jahr 2016 ist der FK1000 wieder ein aktiver Teil der Klassiker-Community. Bis heute ist er stolze 9.800 Kilometer gelaufen und hat an zahlreichen Oldtimer-Rallyes teilgenommen. Ein echter Höhepunkt war dabei seine TV-Karriere: Im Fernsehfilm „Die Affäre Borgward“ (ARD 2018, mit Thomas Thieme) durfte er als historischer Ü-Wagen der Funkschau mitspielen. Und seitdem lief alles glatt? Nichts ganz. „Natürlich bleibt solch ein altes Auto immer eine Baustelle. So musste der Motor im Jahr 2021 noch einmal komplett restauriert werden. Aber das gehört eben zum Hobby dazu“, erzählt Peter Kunze.
Dafür entschädigt das Gefühl, wenn er am Steuer seines FK1000 sitzt und die bewundernden Blicke der Menschen sieht. Dann weiß er genau: Jede einzelne Stunde in der Werkstatt hat sich gelohnt …
Fotos: Peter Kunze / privat
Rettung mit Happy End: Ford FK1000 Ü-Wagen vom NDR
Ein Originalfoto des Ford FK1000 aus dem NDR-Archiv.
Der Kfz-Brief des Ü-Wagens. Erstzulassung 31. August 1959. Halter: Norddeutscher Rundfunk, Studio Oldenburg.
Der Rundfunkwagen stand jahrzehntelang in einer Fahrzeugsammlung auf dem Pekol-Betriebsgelände in Oldenburg, das 2013 abgerissen wurde. Pekol war ein Oldenburger Hersteller von Bussen und ein lokales Verkehrsunternehmen.
So sah der Bus aus, bevor es zu den ersten Blecharbeiten bei Karosseriebauer Hessenius ging.
So stark hatte der Rost das Radhaus links hinten zerfressen.
Starke Korrosion auch auf der rechten Seite des Radhauses hinten.
Vom Rost zerfressener Holm hinten rechts.
Beim Lackierer Anfang Juli 2015.
Der Lackierer hat ganze Arbeit geleistet: Auch innen sieht der Ford wieder wie neu aus.
Abtransport nach den fertigen Lackierarbeiten am 18. Juli 2015.
Der 1,5 Liter große Vierzylinder mit 55 PS sitzt zwischen den Vordersitzen.
Damit es den NDR-Technikern auch im Winter bei langen Übertragungen nicht kalt wird: die Standheizung im Ü-Wagen.
Was von der Innenausstattung des Ü-Wagens noch übrig war.
Nach fertiger Restaurierung: Der Rücksitz ist in sogenannter Arbeitsstellung für die Techniker im Ü-Wagen.
Eigentümer Peter Kunze testet die Technik im restaurierten FK1000.
Filmreifer Auftritt: der Ü-Wagen von Peter Kunze in der ARD-Produktion „Die Affäre Borgward“.
Peter Kunze guckt aus dem geöffneten Faltdach, das Mikrofon in der Hand: So haben in den 60er Jahren die NDR-Reporter bei Rundfunkübertragungen gearbeitet.
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