Ortstermin beim Gutachter: So viel ist der OCC-Mercedes wirklich wert!
Von DORIAN RÄTZKE
In der Halle 49 in Lübeck riecht es nach Kraftstoff, altem Öl, Gummi und Leder. Zwischen Scheinwerferstativen und Kameras steht er, der blaue Kombi mit dem weißen OCC-Logo: ein Mercedes-Benz 280 TE, Baujahr 1981. Es ist ein besonderer Drehtag für den YouTube-Kanal von OCC: Der bekannte Motorjournalist und Moderator Ulf Schulz (u.a. rbb und Antenne Brandenburg) ist gekommen, um die Begutachtung des „Gründer-Benz“ vor laufender Kamera zu moderieren. Da der originale W123-Kombi der OCC-Gründer längst nicht mehr existiert, wurde dieser nahezu identische Benz vor einigen Jahren als optische Hommage erworben.
Doch für Nostalgie ist heute kein Platz. Sebastian Groehl von Classic Trader (Anbieter des Gutachter-Service CT Inspections) und der Sachverständige Marco Borowski (Ing.-Büro Butzirus, Wismar und Schwerin) wollen das alte Mercedes-Blech unter die Lupe zu nehmen.
Die Stunde der Wahrheit für den Sechszylinder mit 185 PS. Wie viel ist er wirklich wert? Und in welchem Zustand zeigt er sich? Und wie geht der Gutachter eigentlich vor? Wir haben ihm über die Schulter geschaut.
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Expertenrunde beim OCC-Videodreh in der Halle 49 (v.l.): Sebastian Groehl (Classic Trader), Moderator Ulf Schulz und Gutachter Marco Borowski. Hinter ihnen der OCC-Gründerbenz 280TE mit dem damals prestigeträchtigen M110-Doppelnockenwellenmotor (DOHC, 2,8 Liter Hubraum, 185 PS). Er ist übrigens eines der wenigen Exemplare mit manuellem Vierganggetriebe, die meisten der 19.775 gebauten 280TE haben ein Automatikgetriebe.
Das ist der Benz der OCC-Gründer
Der blaue Mercedes-Benz 280 TE (Baujahr 1981, Baureihe S123) mit dem großen OCC-Logo ist auf Oldtimer-Events in ganz Deutschland bekannt. Hintergrund: die OCC-Gründer Thomas Sühr und Christian Bartelt fuhren so einen blauen W123-Kombi als Firmenwagen, mit dem sie 1984 auf dem Nürburgring erstmals ihre neue Oldtimerversicherung vorstellten (Foto). Um an den legendären Mercedes zu erinnern (das Gründer-Original ist schon lange verschollen), haben wir einen optisch nahezu identischen Wagen erworben. Kaufpreis: 21.000 EUR. Eine Zustandsnote 2 attestierte ihm ein frisches Wertgutachten beim Verkauf. In der Zwischenzeit hatte er etliche kleine Mängel, die schnell behoben wurden, aber nicht billig waren (knapp 10.000 EUR flossen in die Reparaturen).
Der Trick mit dem ersten Blick
Zurück zur Halle 49: Gutachter Marco Borowski beginnt die Untersuchung nicht mit Werkzeug, sondern mit Distanz. Er lässt den Wagen erst einmal auf sich wirken, bevor er die Haube entriegelt. „Zunächst schaue ich mir das Auto aus einer gewissen räumlichen Perspektive an“, erklärt der Experte seine Vorgehensweise. „So sehe ich insbesondere Farbunterschiede, Dellen oder Beulen, je nachdem, wie die Lichtverhältnisse sind. Man sieht auch, ob unter anderem die Front von den Spaltmaßen her passt, dass sie nicht verschoben ist.“
Nach einer kurzen Probefahrt fällt das erste Urteil des Gutachters grundsätzlich positiv aus – wenn auch mit kleineren Einschränkungen. „Der erste Eindruck ist ein solides Fahrzeug mit einigen leichten Mängeln“, bilanziert Borowski. „In einzelnen Bereichen gibt es Bauteile, die mit überschaubarem Reparaturaufwand instand gesetzt werden können. Technisch befindet sich das Fahrzeug jedoch in einem ordentlichen Zustand. Geradeauslauf und Bremsverhalten waren unauffällig. Insgesamt ist es ein Auto, das problemlos bewegt werden kann.“
Die Jagd nach dem versteckten Rost
Doch warum überhaupt der Aufwand? Classic Trader-Experte Sebastian Groehl betont die wirtschaftliche Relevanz: „Selbstverständlich braucht man ein Gutachten. Ein Wertgutachten ist für den Kunden die Sicherheit, dass er den Wert, den das Fahrzeug tatsächlich aktuell hat, im Schadensfall auch erstattet bekommt. Es muss ja nicht nur ein Unfall sein, sondern es kann ja zum Beispiel auch ein Brandschaden sein oder ein Diebstahl.“
Auf der Hebebühne offenbart der Mercedes seine typischen Schwachstellen. Borowski kennt die neuralgischen Punkte der Baureihe W123 genau. „Typisch sind Roststellen an den vorderen Kotflügeln, an den Türen, an der Seitenwand und beim Kombi vor allem an der Heckklappe“, erklärt er, während er mit der Taschenlampe die Radläufe kontrolliert.
Am vorderen Kotflügel, nahe des Blinkers, zeigt er auf eine auffällige Stelle: „Hier erkennt man bereits eine Unterrostung. Die Korrosion sitzt unter dem Lack und beginnt ihn anzuheben. Das ist schon etwas fortgeschrittener.“ Insgesamt zeigt sich der Wagen jedoch in einem vergleichsweise guten Zustand: „Abgesehen von diesen Punkten ist das Fahrzeug erstaunlich rostarm.“
Unterstützt wird die Begutachtung durch den digitalen Standard von Classic Trader mit der CT Inspections-App, in der Borowski die insgesamt 128 Prüfpunkte dokumentiert und mit Fotos hinterlegt. Entscheidend bleibt jedoch die Erfahrung des Gutachters – und der geschulte Blick auf die bekannten Schwachstellen der Baureihe.
Nicht alles Gold was glänzt
Anschließend kommt das Schichtdickenmessgerät zum Einsatz. Es zeigt, was sich unter dem blauen Lack verbirgt. Teilweise misst Borowski Werte von über 500 Mikrometern. Sein Fazit fällt eindeutig aus: „Der Wagen ist auf jeden Fall nachlackiert worden.“
Ein solcher Befund ist jedoch nicht automatisch negativ zu bewerten. „Entweder wurden einzelne Karosserieteile ersetzt, oder der Lackaufbau wurde komplett erneuert“, erklärt er. Entscheidend ist dabei hauptsächlich die Qualität der Arbeit. Wurde die Nachlackierung fachgerecht ausgeführt, kann sie den Zustand der Karosserie sogar langfristig erhalten.
Auch bei der Ausstattung stellt sich die Frage: Originalität oder Erhalt? Bei einem Radio im Retro-Look gibt Borowski Entwarnung. „Ein Radio ist immer noch austauschbar, wenn man jetzt wirklich sagt, ich möchte es wieder in den Originalzustand zurückbauen“, erläutert er. Kritischer sieht er verschlissene Polster. „In dem Fall würde ich jetzt einen abgesessenen Sitz erneuern– also das Erneuern vorziehen. Wenn ein neuer Stoff professionell aufgezogen wird, ist es im Regelfall wertsteigernd.“
Das Gewicht der Geschichte
Auch die Dokumentation kann den Wert eines Oldtimers erheblich beeinflussen. Ein gut gefüllter Ordner mit Rechnungen und Belegen liefert wichtige Hinweise auf Pflege und Historie des Fahrzeugs. Borowski blättert durch die Unterlagen des OCC-Benz und stößt unter anderem auf Rechnungen über eine große Durchsicht sowie Arbeiten an Achse und Motor in Höhe von rund 1.300 Euro.
„Es geht nicht nur um das Wartungsheft. Gerade bei älteren Fahrzeugen sind Rechnungen und TÜV-Berichte besonders wichtig“, erklärt er. „Nur so lässt sich nachvollziehen, welche Arbeiten tatsächlich bei wem durchgeführt wurden.“
Zudem helfen die Unterlagen, die Laufleistung plausibel einzuordnen: „Bei klassischen Fahrzeugen lässt sich nicht immer eindeutig belegen, ob ein Mercedes tatsächlich 600.000 Kilometer gefahren ist – etwa wenn irgendwann einmal der Tacho ersetzt wurde. Anders als bei modernen Autos sind solche Daten früher nicht elektronisch gespeichert oder codiert worden.“
Auch die Historie eines Fahrzeugs kann Einfluss auf den Marktwert haben. Dazu zählen etwa seltene Ausstattungen, eine besondere Nutzungsgeschichte – oder prominente Vorbesitzer. „Ein Brigitte-Bardot-Fan würde für ein Fahrzeug aus ihrem Besitz vielleicht ein Vielfaches bezahlen, während ein anderer Käufer damit wenig anfangen kann“, sagt Borowski mit einem Augenzwinkern.
Für Sachverständige bleibt die Bewertung dennoch klar getrennt: Der technische und optische Zustand bestimmt weiterhin die Zustandsnote. Eine belegbare Promi-Provenienz kann jedoch in die Marktwertbetrachtung einfließen und das Fahrzeug für bestimmte Sammler deutlich attraktiver machen.
Das finale Urteil: Die 22.000-Euro-Frage
Am Ende des einstündigen Termins werden die 128 Prüfpunkte zusammengeführt. Die Niveauregulierung, die Borowski bei den W123-Kombimodellen als „hydroproblematisch“ bezeichnet, zeigt sich tadellos. Der Innenraum wurde als „top“ bewertet. „Also ich finde das Lackthema ist jetzt absolut in Ordnung. Auch der Innenraum hat absolut überrascht“, resümiert Sebastian Groehl von Classic Trader.
Doch was bedeutet das in harten Zahlen? „Es gibt keine 2 minus mehr“, erklärt Borowski die Logik der modernen Bewertung, „also muss es für das Wertgutachten entweder eine 2 oder eine 3 sein.“ Für den blauen OCC-Kombi reicht es trotz der kleinen Roststelle am Blinker für die Note 2,5.
Und was ist der Benz nun wert?
Marco Borowski wirft noch einmal einen Blick in die von Classic Trader im Rahmen jedes CT Inspections Auftrages gelieferte Marktwertanalyse/Marktwerttabelle – dann steht das Ergebnis fest. Ein Mercedes S123 280 TE im makellosen Zustand der Note 1 wird derzeit mit rund 42.000 Euro gehandelt. Den begutachteten OCC-Mercedes taxiert der Sachverständige dagegen auf einen Marktwert von 24.500 Euro (immerhin 3.500 Euro mehr als beim Kauf).
Sein Fazit fällt positiv aus: „So ein Auto würde ich kaufen – definitiv.“
Fotos: Marian Loose | Dorian Rätzke
Übrigens: Moderator Ulf Schulz hat gerade sein neues Podcast-Format "AutoQuartett" gestartet, das Sie u.a. auf Podcast.de, Apple und Youtube hören können.
Amtlich: Der Gründerbenz von OCC bekommt die Note 2,5 und ist 24.500 EUR wert. OCC-Marketingchef Raimund Jebens (li.) freut sich, neben ihm Sebastian Groehl (Classic Trader) und Gutachter Marco Borowski (re.).
Vorteile für OCC-Kunden beim CT Inspections-Wertgutachten
Um den Marktwert eines klassischen Fahrzeugs fundiert zu bestimmen, setzt CT Inspections auf ein standardisiertes Prüfverfahren. Grundlage ist ein strukturierter Begutachtungsprozess mit bis zu 128 Prüfpunkten, der von qualifizierten Oldtimer-Sachverständigen durchgeführt wird.
Im Rahmen der Begutachtung werden Karosserie, Technik, Interieur sowie relevante Aspekte der Fahrzeughistorie systematisch dokumentiert und bewertet. Dazu zählen unter anderem auch Originalitätstreue und die Einbeziehung der vorhandenen Dokumentation. Aus den einzelnen Prüfbereichen mit Einzelnoten ergibt sich eine nachvollziehbare Gesamt-Zustandsnote, ergänzt um die Ermittlung von Markt- und Wiederbeschaffungswert inkl. eventuell vorhandener wertbeeinflussender Faktoren.
Wichtig: Das Wertgutachten dient nicht nur als Grundlage für Kauf- oder Verkaufsentscheidungen. Es wird insbesondere von den führenden Old- und Youngtimer-Versicherungen als Basis für die Versicherungseinstufung und die Regulierung im Schadensfall herangezogen.
In der Regel wird das Gutachten digital als PDF-Download bereitgestellt. Seit dem 01.03.2026 wird die Dokumentation auch als hochwertig gedrucktes und gebundenes Gutachtenbuch frei Haus geliefert. Ab dem zweiten Exemplar fällt ein Aufpreis von 29,99 Euro an.
Für Kunden der OCC gilt hier eine besondere Regelung: „Sie erhalten dieses hochwertige Gutachtenbuch im limitierten OCC-Design als exklusiven Zusatz zu ihrem CT-Inspections-Wertgutachten“, so Sebastian Groehl von Classic Trader.
Weitere Informationen zu den verschiedenen Gutachtenarten finden Sie unter:
www.ct-inspections.com/de/wertgutachten/
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