Krieg, Energiekosten, Inflation:
Werden jetzt die Oldtimer-Ersatzteile knapp?

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Von A wie Anlasser bis Z wie Zentralverriegelung: Jeder Oldie braucht im Falle eines Defekts die passenden Ersatzteile. Problem: einige Originalteile werden oftmals nicht mehr produziert, preiswerter Ersatz aus Fernost macht manchmal Probleme. In den Clubs ist dann das Prinzip Selbsthilfe angesagt. Dazu kommen die aktuellen Krisen wie steigende Energiekosten, Inflation und Ukraine-Krieg. Hat das zusätzlich Auswirkungen auf die Versorgung mit Ersatzteilen für Oldtimer und Youngtimer? Wie schaut es in der Zukunft aus? Wir haben bei großen Herstellern und Oldtimerclubs nachgefragt – mit erstaunlichen Antworten.

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Schlechte Ersatzteil-Qualität beim Mercedes-Benz W123. Diese Gelenkscheibe eines bekannten Herstellers soll nach Clubangaben nur 2 Jahre und keine 5.000 km gelaufen sein - bis zu diesem Ergebnis

Schlechte Qualität bei Gummiteilen

37 Jahre nach Produktionsende gibt es auch heute noch viele Teile für die beliebte Baureihe W123 von Mercedes-Benz - sagt Michael Liesch, Vorstand vom Mercedes-Benz W123-Club e.V.
„Natürlich sind über die Jahre sehr viele Teile aus dem Sortiment genommen worden. Dazu gehören auch Parts mit enormem Platzbedarf und riesigen Variantenbäumen wie Innenausstattungen. Typische Problemteile wie Buchsen im Schaltgestänge oder Schläuche der Kraftstoffanlage kann Mercedes noch liefern. Die Qualität ist dann die beste, die auf dem Markt verfügbar ist, die Preise differieren zwischen überraschend günstig bis überaus teuer“, so Liesch.
Probleme gäbe es aber z.B. bei Auspuff-Ersatz- und Gummiteilen. Nachbauten hielten oft nur wenige Jahre, passten dann nicht ohne Nacharbeit. Bei Gummiteilen würden durch einige Händler oft falsche Shorehärten und mindere Materialqualität geliefert – ein großes Ärgernis.

Traggelenke aus Malaysia rosten schon in der Schachtel

Einige Mitglieder des W123-Clubs würden deshalb seit 20 Jahren Lager aufkaufen, Fahrzeuge zerlegen und auf eigene Rechnung Teile verfügbar halten. Eine eigens vom Club gegründete GmbH soll die Lücke bei Ersatzteilen füllen. So bietet Club-Shop begehrte Tüllen für die Zentralverriegelung für 7,50 Euro an, in Mercedesqualität und vom Hersteller schon lange nicht mehr lieferbar. Michael Liesch: „Mit dieser Lösung muss man nicht mehr das ganze ZV-Element ersetzen, wenn nur die Tülle rissig ist.“
Und die Erfahrung mit Billig-Teilen aus Fernost?
„Sehr ärgerlich, wenn eine Koppelstange für 4 Euro nach 1.500 km ausgeschlagen ist und man für den TÜV das Neuteil gegen ein anderes Neuteil tauschen muss. Traggelenke aus Malaysia rosten in der Schachtel - und das Material der Manschette ist völlig falsch spezifiziert, so dass die Manschette einen zu hohen Reibwert hat und nicht auf dem Querlenker gleitet, sondern sich mitdreht und aufgrund der Torsion nach wenigen hundert Kilometern reißt“, erzählt der Mercedes-Experte.

Logistikprobleme und zu hohe Produktionskosten

Andere Experten in der Oldtimer-Szene bestätigen Probleme bei der Logistik und zu hohen Produktionskosten durch die Energiekrise.
Henner Dietrich von der Firma Carus Oldtimerparts GmbH: „Wir bemerken, dass Lieferketten häufiger unterbrochen werden, insbesondere bei langen Transportwegen aus Asien. Aktuell schwierig ist die Versorgung mit Gummiteilen, da Produzenten aufgrund hoher Energiekosten und Materialkosten kleinere Teile nicht produzieren.“
Werkstatt-Inhaber Sascha Weitz, Repräsentant vom MB /8 Club Deutschland e.V. hat beobachtet, dass Teile des Interieurs wie Sitzbezüge und Türverkleidungen schwer zu beschaffen sind. Ein inflationsbedingtes verändertes Kaufverhalten bei Kunden und Club-Mitgliedern hat er bisher nicht feststellen können: „Die Auftragsbücher sind voll und auch im Club haben wir nicht weniger Zulauf.“

Sascha Weitz Gerolf Röben und Henner Dietrich

Drei Klassiker-Experten (v.li.): Sascha Weitz (MB/8 Club e.V.), Gerold Röben (Citroën SM-Club Deutschland) und Henner Dietrich (Carus Oldtimerparts GmbH)

Je jünger das Fahrzeug, desto schwieriger die Ersatzteilversorgung

Gerold Röben, Repräsentant vom Citroën SM-Club Deutschland: „Wir bieten in unserem Club etwa 500 Teile an, der Citroën SM Club de France hat sogar etwa 1.500 Teile auf Lager. Es handelt sich hierbei vorwiegend um Neu - oder nachgefertigte Teile. Von Lagerschalen, Kolbenringen und Ventilen über Leuchten und Gummiteilen bis hin zu Elektrik und Zierteilen.“ Künftig werde sich, da sind sich alle drei Spezialisten einig, die Nachfrage nach Ersatzteilen stärker auf jüngere Modellreihen der 1990er und 2000er-Jahre verschieben. Weiterhin nachgefragt seien natürlich Teile für ikonische Modelle wie Citroën Ente 2CV, DS/ID, SM, Mercedes /8, Käfer etc.
Allgemein gelte: Je jünger die Fahrzeuge, desto schwieriger die Ersatzteilversorgung.Ein weiteres Problem sei der fehlende Nachwuchs bei speziellen Werkstätten oder auch Karosseriebauern. Viele würden bald in Rente gehen und keine Nachfolger finden.

Mercedes: aktuell 117.000 Teile im Angebot

Wie sieht die Ersatzteil-Situation bei den Schwergewichten der Branche aus? Mercedes-Benz Classic bietet nach eigenen Angaben aktuell 117.000 verschiedene Ersatzeile an.

Macht sich die derzeitige schwierige wirtschaftlichen Situation bei der Teileversorgung bemerkbar?
„Nein, die schwierige wirtschaftliche Situation macht sich nicht unmittelbar bemerkbar. Jedoch sind nachgefertigte, neu aufgelegte Teile nicht zu den ursprünglichen Preisen wie in der Serie beschaffbar. Hier spielen u.a. Faktoren wie Neufertigung von Werkzeugen, Mindestabnahmemengen von Vor-Materialien und deren gesetzlichen Dokumentationspflicht, Rüstzeiten, Kleinstmengen-Produktion sowie Flächen- und Kapitalbindung eine Rolle“, so Thomas Budde (Leitung Mercedes-Benz Classic Ersatzteile, Reproduktion, Freigabe & Logistik, Mercedes-Benz AG) zum OCC-Magazin.
Bei der BMW Group Classic, die 60.000 Teilenummern im Lieferprogramm hat, spricht man dagegen von „aktuellen Herausforderungen, die sich im Tagesgeschäft bemerkbar machen würden.“

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Auch für künftige Klassiker wie den Z3-Roadster rechnet BMW mit einer starken Nachfrage nach Ersatzteilen

BMW rechnet mit steigender Nachfrage

Gibt es Abhängigkeiten von Teilelieferanten in bestimmten Ländern mit instabiler politischer Lage?
Christoph Gontard, Head of Marketing bei BMW Group Classic: „Generell setzen wir auf eine Mehr-Lieferanten-Strategie, um einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden und nachhaltigen Wettbewerb aufzubauen.“
Das Kaufverhalten der Kunden sei unverändert. „Wir verzeichnen derzeit ein unverändert hohes Nachfragepotential bei Fahrzeugen wie den BMW M-Modellen, Cabrios, Roadster und Coupés. Bei weiterhin steigenden Zulassungszahlen von Oldtimern und Youngtimern rechnen wir mit einer entsprechend steigenden Nachfrage, nicht nur in Deutschland, sondern auch international“, erklärt der BMW-Sprecher.
Ähnlich ist die Prognose bei Mercedes-Benz Classic. Thomas Budde: „Die Stückzahlen von künftigen Klassikern steigen, dementsprechende Maßnahmen werden geplant und eingeleitet. Unsere Produktmanager bewerten und bereinigen unser Sortiment ständig neu. Anhand von Prognosetools werden Verfügbarkeitsreichweiten ermittelt, Nachfertigungen auf wirtschaftlicher Basis geprüft und Preise angepasst.“ (dr)
Mitarbeit: Tim Nagel

Fotos: BMW Group Classic | Mercedes Benz Classic | Tim Nagel | Michael Liesch, Mercedes-Benz W123-Club e.V.

Weitere Infos unter:
https://mercedesclubs.de/
www.carus-parts.de
http://www.mercedes-benz-w123-club.de/
https://www.citroensmclub.de/
https://www.strichachtclub.de/

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Schauen unter die Motorhaube eines Citroën SM (v.li.): OCC-Experte Tim Nagel, Henner Dietrich (Carus Oldtimerparts) und Gerold Gröben (Citroën SM Club)

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