Im Mercedes nach Sizilien: Goethe wäre Strichachter gefahren
1. Juli 2026 Autor: Dorian Rätzke
„Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele; hier ist erst der Schlüssel zu allem“, notierte Goethe im Frühjahr 1787 bei seiner Ankunft in Palermo. Was der Dichterfürst einst zu Fuß und mit der Kutsche erkundete, erlebt der Mercedes-Benz /8-Club heute auf ganz eigene Weise. Mit sieben Fahrzeugen machen sich die 12 Mitglieder (5 Frauen, 7 Männer) auf den weiten Weg nach Sizilien. Nach 20 Tagen werden es 4573 km mehr auf dem Tacho sein …
Die Italien-Reise ist weit mehr als ein klassischer Urlaubsausflug – mit einem Mercedes der Baureihen W114/W115 (ab 1968 gebaut) bleibt die Hektik einfach daheim. Man stelle sich Goethe am Steuer eines eleganten Sechszylinders (z.B. 280 CE) vor, den Blick durch die filigranen Dachsäulen auf das glitzernde Mittelmeer gerichtet, den linken Arm lässig aus dem geöffneten Seitenfenster. Ihm hätte es sicher gefallen. Schließlich ist der „Strichachter“ das ideale Reisemobil für Individualisten. Hier der unterhaltsame Bericht der „Reisegruppe Strichacht“ um den Hamburger Sascha Weitz.
Pässe, Panorama und Alpen-Glanz
Der Kilometerzähler steht exakt auf 40.851, als in Schwalingen der Zündschlüssel gedreht wird. Es ist der 31. Mai, Punkt 10 Uhr. Vor einer eingeschworenen Gruppe des Mercedes-Benz /8-Clubs liegt ein automobiles Abenteuer, das Mensch und Maschine quer durch Europa führen wird. Das erste Etappenziel lautet Oberderdingen. Dort beginnt die Reise standesgemäß. „Wir haben uns am Abend mit den Stammtischleitern Nordbaden zum Bierchen getroffen“, erinnert sich Sascha Weitz an den entspannten Auftakt. Schon kurz darauf wird es deutlich alpiner. Die nächsten beiden Nächte verbringt die Gruppe am Gotthard in der Schweiz. Auf dem Programm stehen einige der berühmtesten Passstraßen Europas: der Klausenpass (1.952 Meter), der Furkapass (2.436 Meter) und schließlich der Grimselpass (2.164 Meter). Anspruchsvolle Strecken für Fahrzeuge, die teilweise mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben. Doch die Technik zeigt sich von ihrer besten Seite. „Diese Strecken hat der 250 CE mit Bravour gemeistert“, berichtet Weitz nicht ohne Stolz.
Konvoi-Krimi zwischen Pisa und Siena
Nach den Höhenmetern folgt das Mittelmeer. Das ligurische Levanto dient als offizieller Treffpunkt der Reisegruppe. „Der letzte /8 trudelte gegen 21 Uhr in der von uns reservierten Garage ein“, erzählt Weitz. Nun ist die Formation komplett: Sieben Fahrzeuge, darunter mehrere Sechszylinder wie der 280 CE und der 280 E, klassische 250 CE sowie zwei robuste 220er-Limousinen. Eine davon wurde mit einem 230/4-Motor und einem Dachzelt für das große Abenteuer aufgerüstet. Mit einem gemeinsamen Abendessen und Kennenlernen geht es aufregend los. Am nächsten Tag stehen die berühmten Dörfer der Cinque Terre auf dem Programm. Die eigentliche Herausforderung wartet jedoch wenig später. Die Route führt zunächst zum Schiefen Turm von Pisa und anschließend weiter nach Siena. „Aller Anfang ist schwer, mit sieben Autos im Konvoi durch den italienischen Straßenverkehr zu kommen und auch zusammenzubleiben“, gibt Weitz zu. Tatsächlich droht die Gruppe mehrfach auseinanderzufallen. Doch dank moderner Navigationstechnik und eines sorgfältig ausgearbeiteten Roadbooks gelingt die Wiedervereinigung am berühmtesten Wahrzeichen Pisas: „Ab Pisa hielt unser Konvoi bis zum Hotel in Siena bestens zusammen.“
Durch das Herz Italiens
Nach einer Stadtführung durch Siena drängt die Zeit. Die Garagenplätze sind nur bis 13 Uhr reserviert. Pünktlich rollen die Fahrzeuge wieder auf die Straße. Das nächste Ziel: der Trasimenische See bei Castiglione. Tag fünf führt die Teilnehmer durch die Regionen Umbrien und Latium. Nicht nur die Fahrer, auch die Organisatoren werden gefordert. „Es ist gar nicht so einfach, Hotels mit Garagenplätzen für sieben Fahrzeuge zu finden – aber es hat geklappt“, sagt Weitz. Lange Pausen sind ohnehin nicht vorgesehen. Schon am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Sorrent-Küste. Pompeji, Capri und schließlich die legendäre Amalfiküste warten. „Die Amalfiküste war erreicht. Ein Traum – und das im eigenen Strichachter. Mehr geht eigentlich nicht.“ Doch auch die schönsten Straßen Italiens liegen irgendwann hinter dem Horizont.
Das Abenteuer Sizilien
Über Reggio Calabria führt die Reise weiter nach Messina. „Es hat super hingehauen, und wir sind alle zusammen am Hotel angekommen. Ab unter die Dusche und anschließend gemeinsam etwas Schönes essen.“ Am nächsten Morgen wartet die Überfahrt nach Sizilien. Ganz ohne Aufregung geht es allerdings nicht – die Gruppe steuert zunächst den falschen Hafen an. „Auf Umwegen haben wir es dann doch zum richtigen Fährhafen geschafft“, erzählt Weitz schmunzelnd. Die Überraschung folgt an Bord: Ein Fahrzeug fehlt! „Da klingelte auch schon das Telefon. Er hatte vergessen, sein Ticket zu ziehen. Aber alles halb so schlimm. Mit der nächsten Fähre war er wieder bei uns.“ Als schließlich alle Fahrzeuge auf der Insel versammelt sind, ist die Freude groß: „Wir waren alle wohlbehalten auf Sizilien angekommen!“ Für einige Teilnehmer beginnt nun ein individueller Urlaub. Das „Team Dachzelt“ schlägt eigene Wege ein, während eine weitere Besatzung die Insel auf eigene Faust erkundet. Für die verbleibenden Fahrzeuge wird die Fahrt zum Hotel in Balestrate zur Geduldsprobe. Feierabendverkehr und eine kurzfristige Brückensperrung sorgen für lange Staus. Sascha Weitz: „Es ging nicht viel voran. Die Aggregate wurden immer heißer und fingen langsam an zu klingeln.“ Auch der Kraftstoff setzt den Klassikern zu. Während in Deutschland vielerorts höheroktanige Sorten erhältlich sind, müssen sich die alten Motoren hier mit 95 Oktan begnügen. Trick der Strichachter-Piloten: „Der eine oder andere musste trotz über 30 Grad Außentemperatur den Heizungsregler auf warm stellen, um zusätzliche Kühlung zu bekommen.“ Als die Kolonne schließlich gegen 20 Uhr das Hotel erreicht, ist die Erleichterung groß. Drei Nächte bleiben die Fahrzeuge nun an einem Ort.
Palermo, Olivenöl und das Traumschiff
Nach Tagen voller Kurven, Kilometer und Kultur steht zunächst Entspannung auf dem Programm. „Erst mal einen Tag ausspannen, Pool oder Meer und abends zusammen essen.“ Natürlich darf auch Palermo nicht fehlen. Die Hauptstadt Siziliens begeistert mit ihrer Mischung aus arabischen, normannischen und italienischen Einflüssen. „Eine tolle Stadt.“ Vor der Rückreise wartet noch ein Olivenöl-Tasting. „Natürlich haben wir alle etwas mitgenommen.“ Anschließend heißt es: Kurs auf Genua. Wie versprochen, stößt auch das „Team Dachzelt“ wieder zur Gruppe.
Nach einer kleinen Diskussion mit dem Hafenmeister – bei einem Fahrzeug fehlten bei der Buchung einige entscheidende Zentimeter Fahrzeuglänge – kann die Fähre schließlich verlassen werden. „Und plötzlich fühlt man sich wie auf dem Traumschiff“, beschreibt Weitz die Atmosphäre an Bord. Nur das Essen fällt beim Reiseleiter durch: „Das sollte man lieber nicht noch einmal buchen.“
Ohne Panne zurück nach Hause
Nach der Ankunft in Genua trennen sich die Wege langsam wieder. Einige Teilnehmer übernachten noch einmal in Norditalien, andere nehmen direkt Kurs auf Österreich, die Pfalz oder die Schweiz. Kilometer um Kilometer verschwindet unter den Reifen. Am Ende stehen 4573 davon auf den Zählern – und keine einzige ernsthafte Panne. „Am Tag darauf ließen wir noch einmal 560 Kilometer hinter uns und erreichten unser Ziel ohne Blessuren.“ Ein schöneres Fazit kann es für eine Reise dieser Art kaum geben. Sieben Strichachter, zwölf Enthusiasten, unzählige Eindrücke und eine Insel, die schon Goethe als „Schlüssel zu allem“ bezeichnete. Fest steht: Goethe würde mit dem Strichachter nach Italien fahren …
Fotos: Sascha Weitz | MB /8 Club Deutschland e.V.
Sizilien mit dem Mercedes-Benz /8 - die schönsten Bilder
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