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Aus der Scheune ins Rampenlicht: die unglaubliche Rettung des letzten Avis der Welt

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Von DORIAN RÄTZKE
Es ist der Heilige Gral der österreichischen Automobilgeschichte: In einer Alpen-Scheune entdeckte der Historiker Dr. Robert Krickl ein Fahrzeug, das es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte: einen Avis Typ 3, Baujahr 1925 – das letzte Fahrzeug seiner Art. Jetzt soll der kleine Wagen eine „nationale Ehrenschuld“ begleichen, die vor genau 100 Jahren im tiefen Schnee Kärntens ihren Anfang nahm. Hier die unglaubliche Geschichte, die die Oldtimerwelt elektrisieren wird. 

Der Avis (lat. für Vogel) strahlt nach der aufwendigen Restaurierung, die von OCC unterstützt wurde, wieder wie vor 100 Jahren. Als der Wagen 1925 produziert wurde, war Österreich eine erst sieben Jahre junge Republik auf dem Weg zum föderalistischen Bundesstaat - mit Rudolf Ramek (Christlichsoziale Partei, CSP) als damaligem Bundeskanzler. Die Habsburger Monarchie dankte 1918 ab. In Deutschland amtierte zur gleichen Zeit Reichspräsident Paul von Hindenburg in der Weimarer Republik.

Der Avis (lat. für Vogel) strahlt nach der aufwendigen Restaurierung, die von OCC unterstützt wurde, wieder wie vor 100 Jahren. Als der Wagen 1925 produziert wurde, war Österreich eine erst sieben Jahre junge Republik auf dem Weg zum föderalistischen Bundesstaat - mit Rudolf Ramek (Christlichsoziale Partei, CSP) als damaligem Bundeskanzler. Die Habsburger Monarchie dankte 1918 ab. In Deutschland amtierte zur gleichen Zeit Reichspräsident Paul von Hindenburg in der Weimarer Republik.

Der Sensationsfund

Die Tür knarrte, als Robert Krickl sie aufstieß. Drinnen, unter Jahrzehnten aus Staub, Heu und den Hinterlassenschaften von Nagetieren, stand etwas, das Historiker längst in den Akten begraben hatten. Ein Avis. Kein britisches Modell der Marke Alvis, wie man es oft bei vermeintlichen Funden erlebt, sondern ein echtes Kind der „Avis Flugzeug- und Autowerke“ aus Brunn am Gebirge. Für Krickl, Heimatforscher und Wissenschaftler, war es der Moment seines Lebens.Ich bin vor lauter Ergriffenheit auf die Knie gefallen“, erinnert er sich an den Augenblick, als er das technische Fossil unter dem Staub erkannte. Ohne zu zögern, kaufte er das Wrack, denn für ihn war klar: „Die Geschichte forderte hier nur ein mögliches Handeln – dieses Stück Technikgeschichte wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“

Die Demokratisierung der Straße

Um die Brisanz dieses Fundes zu verstehen, muss man zurück in das Jahr 1924 reisen. Österreich war damals ein Zentrum technologischer Ambitionen; Avis (lateinisch für Vogel) war das rot-weiß-rote Gegenstück zum Junkers-Konzern. Eine Flugzeugschmiede, die Luftpost beförderte und Rekorde brach, bevor sie aufgrund der wirtschaftlichen Not der Zwischenkriegszeit auf den Boden gezwungen wurde. Das zweite Standbein der Firma wurde der Automobilbau, doch auch hier blieben die Konstrukteure ihren visionären Wurzeln treu.

Dass heute fast kein Avis mehr existiert, ist kein Zufall, sondern eine tragische Konsequenz seiner eigenen Philosophie. „Die Wagen sollten in erster Linie erschwinglich und dabei so effizient wie möglich sein“, erklärt Krickl. Avis zielte auf die „Demokratisierung des Automobilismus“ – Autos für die breite Masse statt für die Oberschicht. Doch genau diese Alltagstauglichkeit wurde ihnen zum Verhängnis. Während Nobelsportwagen gehegt wurden, verschwanden die Avis-Kleinwagen im „Ressourcenhunger des Zweiten Weltkriegs“ oder verrotteten schlichtweg. „Dass die Erhaltungslage bei einfachen Fahrzeugen trotz höherer Stückzahl deutlich schlechter als bei Nobelsportwagen ist, ist ein bekanntes Phänomen“, stellt der Wissenschaftler fest. Hinzu kam die Materialwahl: Die Gemischtbauweise mit viel Holz überstand die Jahrzehnte in feuchten Scheunen kaum. 
 

Phoenix aus dem CraftLab

Die Rettung des Scheunenfunds glich einer archäologischen Operation. In den Werkstätten von CraftLab in Pitten wurde der Wagen Schraube für Schraube seziert. Dabei offenbarte der Avis seine wahre Brillanz: Die Konstrukteure hatten Leichtbau-Know-how aus dem Flugzeugbau in das Chassis einfließen lassen. Für Krickl ist der Wagen weit mehr als nur Blech und Holz. „Historische Fahrzeuge sind rollende Zeitzeugen – greifbare Dokumentation unserer technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung“, betont er. 

Besonders die personelle Kontinuität fasziniert den Forscher. Konstrukteure, die bei Avis ihr Handwerk lernten, schrieben später Geschichte bei der Entwicklung von „Volksautos“ wie dem VW Käfer oder dem Goggomobil. In dem singenden 4/20 PS Boxermotor des Avis steckt für Krickl die DNA dessen, was Jahrzehnte später die Welt mobilisierte. Er bezeichnet das Fahrzeug daher fast schon ehrfürchtig als den „Großvater des Käfers“. In jahrelanger Kleinarbeit wurde der Wagen restauriert, wissenschaftlich begleitet und sogar von der Österreichischen Post mit einer Sonderbriefmarke geehrt. Heute steht das Unikat im Museum Niederösterreich in St. Pölten – dort, wo zuvor die Staatslimousine der Republik parkte.
 

Die Revanche von Monaco

Doch der Avis soll kein reines Standmodell bleiben. Er hat eine Rechnung offen, eine „historische Sportschuld“, wie Krickl es nennt. Im Januar 1926 startete ein Avis-Werksteam mitten in der Nacht in Wien zur Rallye Monte Carlo – der erste Einsatz eines österreichischen Teams bei diesem legendären Rennen überhaupt. Alles lief perfekt, die Technik hielt, die Zeiten waren hervorragend. Doch in Kärnten schlug die Natur zu. Meterhoher Schnee machte die Straßen nach Tarvis unpassierbar; der Schneepflug war damals noch nicht erfunden. Das Team musste aufgeben – technisch einwandfrei, aber von den Elementen gestoppt.

Genau ein Jahrhundert später soll diese Geschichte ihr Happy End finden. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Wir halten unser Wort und werden die nationale Schuld begleichen“, verkündete Krickl bei der Vorstellung seiner Pläne. Für den Sommer 2026 ist die Fahrt nach Monaco geplant. Zwar wird die Route diesmal schnee- und streusalzfrei gewählt, um das kostbare Einzelstück zu schonen, doch die Mission bleibt dieselbe.

Made in Austria

Für Krickl geht es dabei um mehr als nur Nostalgie. Er will zeigen, dass man „trotz ungünstiger äußerer Umstände etwas in der Welt bewegen kann.“ Sein Ziel ist es, die Leistungen der vergessenen Pioniere wieder ins Bewusstsein zu rücken. „Wir werden die rot-weiß-rote Fahne in die Welt hinaustragen und zeigen, dass man zurecht stolz auf Technik ‚Made in Austria‘ sein kann“, so der Forscher. Wenn der Zweizylindermotor im Jahr 2026 an der Côte d’Azur erklingt, wird es der späte Triumph eines Außenseiters sein, der ein Jahrhundert lang auf seinen großen Auftritt warten musste.

Aktuell sucht das Projektteam noch nach historischen Dokumenten, Fotos oder Erzählungen zur Marke Avis. Informationen und Details zur Unterstützung der „Mission Monte Carlo“ finden sich unter www.avis-werke.at.

Fotos: Dr. Robert Krickl

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