Der Jensen Interceptor
Schöner, schneller, stärker in die Pleite

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Ein dänischer Name, amerikanische Technik, italienisches Design, englische Handarbeit – der Jensen Interceptor (engl. für Abfangjäger) sorgte in den 1960er und 70er Jahren für Erstaunen in der Automobilwelt. “Der Jensen Interceptor wird vor allem diejenigen Leute ansprechen, die einen ungewöhnlichen Wagen höchster Leistung besitzen möchten, der wenig Reparaturen und Wartung erfordert, aber ein Höchstmaß an Komfort, Laufruhe und Temperament bietet. Er eignet sich für sehr verantwortungsbewusste, gute Fahrer, kurz — für sportliche Gentlemen-Automobilisten,” verkündete die „Automobil Revue“ begeistert.

James Bond zu arm für den Jensen


Das spiegelte sich auch im hohen Preis wider. Schließlich war der Jensen doppelt so teuer wie ein Jaguar E-Type oder Porsche 911 und viel exklusiver als ein Aston Martin.
So machte damals folgender Witz die Runde: „Warum fährt James Bond einen Aston Martin?“ – „Weil er sich keinen Jensen Interceptor leisten kann.“
Leisten konnten ihn sich dagegen Jimmy Hendrix, Frank Sinatra, Gregory Peck oder Vicky Leandros.
Ab 1966 gebaut, kamen zunächst 6,3 Liter V8 Motoren von Chrysler zum Einsatz, ab 1971 sogar V8 mit 7,2 Liter Hubraum. Der Neupreis für einen Mk III lag im Jahr 1972 bei 36.045,95 DM.

Kofferraum von Volvo abgekupert

Der „Saloon“ genannte Zweitürer war das am häufigsten produzierte Modell. Ein echter Hingucker war die riesige Panoramascheibe im Heck, die zugleich als Heckklappe diente. Die Idee der Glaskuppel hatte Jensen von Volvo. Die Engländer montierten eine zeitlang den Volvo P1800 als Auftragsarbeit. Der P1800 ES (in Deutschland als Schneewittchensarg bekannt) hatte eine riesige rahmenlose Heckklappe aus Glas.

Erstes Allrad-Auto der Welt


Der ebenfalls 1966 vorgestellte Jensen FF war technisch eine Sensation: Es war das erste Auto weltweit mit serienmäßigem Allradantrieb und mit serienmäßig eingebautem ABS von Dunlop. Leider honorierte die Kundschaft das nicht. Nur 320 Allrad-Jensen wurden verkauft, 1971 kam das Aus.
Der Interceptor durfte weiterexistieren. Als Topmodell rangierte nun der Jensen SP (SP für „Six Pack“). Drei Doppelvergaser setzten 385 PS frei. Damit waren bis zu 236 km/h möglich. Im normalen Fahrbetrieb arbeitete nur ein Doppelvergaser, erst bei starken Beschleunigungen und einem Tempo über 170 km/h schalteten sich die restlichen zwei Doppelvergaser zu.

Der Erfolg kam mit dem V8

Jensen Motors war ein britisches Traditionsunternehmen. Der Automobilhersteller aus West Bromwich wurde 1935 gegründet. Die Brüder Alan und Richard Jensen übernahmen 1936 den Karosseriebauer W.J. Smiths & Sons und benannten ihn in Jensen Motors um. Neben Auftragsarbeiten für namhafte Hersteller (u.a. Ford) bauten die Jensen-Brüder immer wieder Kleinstserien von eigenen Autos. Der Durchbruch kam Anfang der 1960er Jahre, als Jensen erstmals hubraumstarke Achtzylinder von Chysler in seine Modelle (hier in den Jensen C-V8) verpflanzte. Der leichte Wagen wurde damit zum schnellsten Viersitzer der Welt.

Mit US-Investors ging es bergab

Neben den populären Modellen wie Interceptor (Mk I-III, über 7000 Exemplare) montierten die Autobauer aus West Bromwich u.a. auch den Austin Healey Mk I-III (über 45000 Exemplare). Nach dem Einstieg von Investor Kjell Qvale 1970 drängte dieser auf einen kleinen Sportwagen. In Zusammenarbeit mit Healey entstand der Roadster Jensen-Healey (10000 Exemplare), der von einem 2-Liter-Lotusmotor angetrieben wurden. Doch vom kleinen Flitzer hatte man sich mehr erwartet. Qualitätsprobleme und die Ölkrise sorgten für eine finanzielle Schieflage bei Jensen, die in der Insolvenz 1975 endeten. Aus der Konkursmasse entstand zunächst die Jensen Parts and Service, die sich hauptsächlich mit der Ersatzteil-Versorgung befasste.

Interceptor sollte wiederkommen

In den folgenden Jahrzehnten versuchten diverse Unternehmen immer wieder, den klangvollen Namen Jensen wiederzubeleben. Jensen Cars Ltd, Jensen Car Company Ltd., new Jensen Motors Ltd, Jensen International Automotive, Jensen Motor Group – niemandem gelang es. Es blieb bei exotischen Stückzahlen wie beim Jensen S-V8 und C-V8 mit 40 Autos. Letzter Versuch war die 2011 angekündigte Wiedergeburt des Interceptor. Die Schweizer Firma Healey Sports Cars Ltd. aus Graubünden zeigte vielversprechende, schicke Design-Studien, der Interceptor sollte ab 2014 in Coventry (dort entsteht auch der Supersportler Spyker) gebaut werden. Doch bei den Ankündigungen ist es leider bisher geblieben.

Happy End bei James Bond

Ein Happy End gibt es aber doch noch.
James Bond sollte dann doch noch Jensen fahren. Im Bond-Abenteuer „Solo“ (Erstveröffentlichung 2013) ließ Autor William Boyd den Superspion an seinem Geburtstag zu einem lokalen Jensen-Händler spazieren. Eigentlich interessierte sich 007 für einen Interceptor. Doch der Händler Eddie begeisterte ihn für einen Jensen FF. Auszug aus dem Buch: Bond felt he was in a low flying plane rather than an automobile as he accelerated the Jensen…. If you needed a car to boost your ego, Bond thought, then the Jensen FF would do the job admirably… (Übersetzung: „Bond fühlte sich eher in einem niedrig fliegenden Flugzeug als in einem Auto, als er den Jensen beschleunigte. Wenn du ein Auto brauchst, um dein Ego zu stärken, dachte Bond, dann würde der Jensen den Job vorbildlich machen. “)

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