Er lebt wie vor 50 Jahren:
Bert, der Oldtimer-Hippie

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Giftgrüne Schlaghose, Nickelbrille, blaues Hippie-Hemd mit XXL-Kragen – wer in Lübeck wohnt, ist Bert Spranger (56) bestimmt schon einmal begegnet. Zumindest hat man von ihm gehört, denn wenn er mit seiner MZ BK 350 (Baujahr 1957) samt Seitenwagen durch die Straßen der Hansestadt knattert, ertönt eine wahre Zweitakt-Boxer-Sinfonie.
Wir haben den passionierten Oldtimerfreund und Schrauber in seiner Werkstatt besucht.
Ein heller Jugendstil-Altbau in der Lübecker Altstadt. Das Haus wirkt gepflegt, durch eine schmale Durchfahrt geht es in einen kleinen Innenhof, ein Apfelbaum ragt vom Nachbargrundstück über die Mauer. Von außen sieht die Werkstatt unspektakulär aus, aber das, was die Tür vor neugierigen Blicken schützt, lässt das Herz der Oldtimer-Fans höher schlagen. Zehn alte Motorräder, teils demontiert, darunter Exemplare wie eine Standard BS 500 (Baujahr 1930), eine Ducati 350 Desmo, MZ RT 125/2, DKW NZ350, Touren AWO, MZ ES 250-2, Aspes Yuma 125, Moto Guzzi 250ts. Nicht fahrbereit und Dauerbaustellen sind ein Ponton-Mercedes 180d (Baujahr 1958), ein äußerst seltener Austin A 40 Pickup von 1951 und ein Opel Olympia Rekord von 1957. Der Austin – ein Kalifornien-Import - scheint übrigens laut Recherche beim Kraftfahrtbundesamt das einzige Exemplar derzeit in Deutschland zu sein.

Beruf: Immobilienverwalter

Ebenfalls kaum zu glauben: Bert Spranger, der mit seiner grauweißen Haarpracht an Hippie Rainer Langhans aus Kommune 1 erinnert, ist hauptberuflich in der Immobilienverwaltung tätig. Spranger ist dann in seinem Element, wenn es um nostalgische Technik geht: „Das Besondere an meiner MZ BK 350 ist der Zweitakt-Boxermotor. Das hat kein anderer Hersteller. Und beide Vergaser sind komplett im Motorgehäuse eingebaut, auch das findet man sonst nirgendwo.“ Technikbegeisterung, die zwar nicht unter die Haut, aber bis zur Gürtelschnalle geht. Die ist ein Unikat aus Bronze und zeigt ihn stilisiert auf seiner MZ. „Ein Geschenk meiner damaligen Lebensgefährtin, einer Lübecker Bildhauerin.“
Wie kam es zu seiner Liebe für alte Autos?

Oldtimer-Liebe in DDR entdeckt


Spranger konkretisiert zunächst: „Also alte Autos sind für mich zum Beispiel keine Fahrzeuge aus den 80er Jahren. Das sind quasi noch Neuwagen für mich und keine Oldtimer. Junge Menschen sehen das bestimmt anders. 50er, 60er Jahre und früher, das sind für mich wahre Oldtimer.“
Eine Reise in die DDR im Jahr 1975 Jahre entzündete die Oldtimer-Flamme bei Bert Spranger. „Wir waren in Sachsen bei entfernten Verwandten, die hatten eine AWO. Mit der habe ich auf dem Acker erste Fahrversuche gemacht.“ Zurück in Lübeck, ließ ihn die Faszination für Technik nicht mehr los. Mit 18 der Autoführerschein („erster Wagen ein Audi 80“), danach der Motorrad-Führerschein mit eigener Maschine, einer Moto Guzzi 250.
In seiner Werkstatt macht er alles selbst, die notwendigen Maschinen schaffte sich Bert Spranger nach und nach an. Darunter eine Drehmaschine (Optiturn Tu2506) zur Metallbearbeitung, ein Schutzgasschweißgerät, eine Profi-Standbohrmaschine. Auffällig: hunderte Kartons mit kleinem Werkzeug und Ersatzteilen in allen Ecken der etwa 150 qm großen Werkstatt. „Das sieht zwar wüst aus, aber ich weiß wirklich sofort, wo ich etwas finde“, beschwichtigt der Sammler.

Patina ist wichtiger als schicker Lack


Also so wie bei den berühmten Brüdern vom Schrottplatz, den Ludolfs. Blitzblank sieht es auch in Lübeck nicht aus. Dicke Staubschichten bedecken die Autos. Der Lack der Motorräder beweist, dass die Maschinen menschliches Rentenalter erreicht haben.
Patina ist Spranger wichtig: „Ich glaube, das ist ein neuer Trend. Mir haben schon viele Oldtimerfreunde gesagt, dass sie es gut finden, wenn der Lack gebraucht aussieht und nicht wie nagelneu.“
Dass Bert Spranger Maschinenbau im Blut liegt, zeigt die Eigenkonstruktion seines Fahrrades. Den petrolfarbenen Rahmen mit einem - auf einem stabilen Seil – freischwingenden Sattel hat er selbst gebaut. Dazu feinste Zutaten aus dem Zubehörsortiment wie Schaltung, Chrom-Dynamo, Bremsen. Das Rad könnte auch direkt aus einem Manufaktum-Katalog stammen und so viel wie gebrauchter Kleinwagen kosten.

Seine Brille ist 190 Jahre alt

Überhaupt hat er ein Faible für massive und stabile Dinge. Und alt müssen sie sein. Sein Plattenspieler Russco Cue-Master ist ein 25 kg schwerer US-Import, der seit den 60er Jahren bei einem lokalen amerikanischen Radiosender seinen Dienst versah. Auf seine Brille, die auch John Lennon hätte tragen können, ist er besonders stolz: „Die ist 190 Jahre alt.“ Ein Ebay-Kauf. Das Alter seiner Armbanduhr? „1930er Jahre!“
Die Händler-Plattform nutzt Spranger öfter, um nach alten Schätzen und Schnäppchen zu suchen.
Oldtimervereine und Clubs sind dagegen „nicht so sein Ding“. Spranger: „Ganz ehrlich, ich bin nicht so ein Vereinsmeier. Ich habe zwei langjährige Freunde, mit denen treffe ich mich ab und an zum Fachsimpeln bei einer Fassbrause. Was soll ich in einem Verein? Die Mitglieder wissen technisch auch nicht mehr als ich. Und so ein Verein bringt nur Arbeit und Zwang mit sich.“
Moderne Technik wie Handys und Computer sind ihm ebenso zuwider.
Der Lübecker Oldtimer-Freund fährt eben seinen eigenen Weg. Auf seiner MZ BK 350, seit 63 Jahren im Dienst…
(dr)

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